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Alain Fux

Nachwort

Ein Roman in Gestalt eines Sachbuches. Oder doch eher ein Sachbuch in Gestalt eines Romans? Der Autor, Alain Fux, tritt hier jedenfalls nur als „Übersetzer“ des angeblichen Werkes eines fiktiven Schriftstellers in Erscheinung. Der Protagonist und vorgebliche Verfasser des Buches, George Francis William Stafford (in Bezug auf die Vornamen fast wie „G.W.F.“ Hegel, was kein Zufall sein dürfte), wird als Professor der Physik an der Universität Oxford eingeführt, wo dieser das Buch im Jahr 1926 geschrieben haben soll. Das Werk behauptet die Richtigkeit des Solipsismus, also jener philosophischen, radikal-idealistischen Auffassung, wonach nur das eigene Bewusstsein existiert, in welchem alles gleichsam wie in einem Traum geschieht, ohne dass es die darin vorkommenden anderen Menschen wirklich gibt. Der Roman ist in der Erzählperspektive der Du-Form verfasst. Das erscheint konsequent, denn wenn der Solipsismus wahr ist, kann es neben dem Autor bzw. dem Übersetzer nicht auch noch einen Leser geben, also muss Letzterer zum eigentlichen einzigen Subjekt, dem Autor, erklärt werden.

Es ist schwierig, das Buch als Ganzes einzuordnen. Handelt es sich um eine philosophische Abhandlung? Ist es ein psychologischer Ratgeber für Menschen mit einer verfestigten Derealisationsstörung? Oder verarbeitet der Autor mit dem Buch seine eigene existentielle Perspektive? Ist es eine Satire? Der Text hat sowohl als Ganzes wie auch in manchen Details durchaus humoristische Aspekte (z. B. die Fußnoten mit den Anmerkungen des Übersetzers, die oftmals Belangloses mit großem Ernst erläutern, die aber nie auf verwendete englische Begriffe oder mögliche Übersetzungsfragen eingehen). Oder handelt es sich um ein ernst gemeintes Sachbuch und der Autor hat die fiktive Form nur deshalb gewählt, um sich nicht etwaigen unbequemen Fragen nach seinen formalen philosophischen oder psychologischen Qualifikationen gegenübergestellt zu sehen? Dabei gelingt es dem Autor allerdings nicht immer, die Perspektive des Jahres 1926 überzeugend einzuhalten. Nicht nur der Sprachduktus insgesamt verrät das 21. Jahrhundert, auch manche Inhalte und Formulierungen eröffnen Bezüge zu späteren Autoren, z. B. „Das [nicht-solipsistische] Subjekt lebt dann im Aufschub“ (der Begriff deutet auf Derrida hin), „Das Subjekt ist nur an seinen Spuren im Erlebten erkennbar“ (ebenfalls ein Begriff von Derrida), „Sie müssen sich den Solipsisten als glücklichen Menschen vorstellen“ (Anleihe bei Camus), „… Gehirn als Denkmaschine in einem mit Nährlösung gefüllten Aquarium (Gedankenexperiment von Putnam), „Die Sprache des Solipsisten ist eine private Sprache (Ausdruck des späten Wittgenstein). Der Autor könnte natürlich entgegnen, dass Stafford diese Positionen bereits vorweggenommen habe oder auch, dass es nur auf den Kenntnisstand des Lesers ankomme, der ja der eigentliche Solipsist sei.

Der erste Teil des Buches („Theorie“) ist eine philosophische Hinführung ins Thema, der zweite („Praxis“) kommt dann wie ein psychologischer Ratgeber daher. Als philosophische Vorläufer werden vor allem Descartes („cogito ergo sum“) und Berkeley („esse est percipi“) genannt. Descartes, so Stafford süffisant, sei mit seiner „radikalen Erkenntnis überfordert“ gewesen und Berkeley habe „unbedingt die Idee eines externen Beistands“ gebraucht, „um sein Leben zu meistern.“ Beide hätten daher einen Gott postulieren müssen, um ihre Erkenntnis, dass die Realität nur in ihrem Bewusstsein existiert, zu unterlegen. Er jedoch, Stafford, denke den Idealismus konsequent weiter und komme zu der Erkenntnis, dass es nur ihn selber gebe (bzw. den Leser).

Diese Folgerung halte ich für wenig plausibel, wenngleich sie argumentativ-logisch kaum zu widerlegen sein dürfte. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die transzendentalen bzw. idealistischen Positionen innerhalb der Philosophiegeschichte (Berkeley, Kant, Schopenhauer, Husserl) ihre Berechtigung haben. Auch die Neurowissenschaften gehen ja davon aus, dass die Welt nur ein Konstrukt unseres Gehirns ist. Und weil das Gehirn selbst auch Teil der Welt ist, ist auch das Gehirn nur ein Konstrukt. Dies hatte insbesondere Schopenhauer schon klar erkannt und dargelegt. Ein reiner Materialismus dürfte somit kaum haltbar sein. Die Perspektive des Subjekts ist in den aktuellen Naturwissenschaften ohne Zweifel noch nicht ausreichend berücksichtigt. Gleichwohl ist der Schritt von „Die Welt ist nichts als meine Vorstellung“ zu „Es gibt nur mich“ logisch, phänomenologisch wie psychologisch höchst zweifelhaft. Auch der Solipsismus ist als philosophische Position letztlich nur ein Dogmatismus. Vielleicht sollte man lieber mit Sextus Empiricus skeptisch bleiben. Was man nicht wissen kann, kann man eben nicht wissen, auch dann nicht, wenn man überzeugter Solipsist ist und jede Erscheinung, jeden Menschen und jede philosophische Auffassung als „Anderes meiner selbst“ in sich integrieren möchte.

Aber auch Stafford macht bei genauem Hinsehen Einschränkungen, die seinen Solipsismus ins Wanken bringen (Derrida würde den Text mühelos dekonstruieren). So muss Stafford die Existenz eines Unterbewusstseins konstatieren, um erklären zu können, dass er von der Realität immer wieder überrascht wird. Das Bewusstsein spaltet sich in verschiedene Schichten auf. „Etwas in Ihnen weiß mehr über Sie als Ihnen bewusst war“, schreibt Stafford geheimnisvoll und entlarvend zugleich. Das Bewusstsein sei nicht mit dem Denken gleichzusetzen, es sei vielmehr als bloßes Subjekt eine „transzendentale Leerstelle“; als Fundament aller Erfahrungen sei es nicht als „Etwas“ greifbar. Es sei nur in seiner Funktion präsent und sich selbst nicht ganz durchsichtig. An anderer Stelle sagt er: „Das Ich ist zwar der Ort dieser Erscheinung [der Welt], aber nicht deren uneingeschränkt souveräner Urheber.“ Da stellt sich natürlich die Frage, was Stafford (oder den Leser) so sicher macht, dass sein Bewusstsein das Einzige ist, was existiert, wenn er einräumt, dass er es gar nicht zu denken oder zu erkennen vermag. Da liegt doch der Gedanke, dass es außerhalb des eigenen Bewusstseins noch etwas anderes gibt, deutlich näher, als sich in einer endlosen Selbstreflexion im Nichts zu verlieren.

Der praktische Teil des Buches zeigt sich als Ratgeber für vielfältige Fragen des Lebens, wobei die meisten Empfehlungen für alle Menschen gelten dürften, nicht nur für den Solipsisten. Stafford würde hierauf freilich entgegnen, dass der „Solipsist“ und „alle Menschen“ ja dasselbe sind. Im Wesentlichen wird geraten, sein Leben kohärent mit seinen inneren Überzeugungen zu führen. Der Solipsist soll sich nicht sozial zurückziehen, sondern ein Leben führen „als ob“ (Anleihe bei Kant) die Welt, die nur in seiner eigenen Vorstellung existiert, real sei. Er soll z. B. gestaltend sein, mitfühlsam, Widersprüche zulassen, demütig sein, eine “Haltung von existenzieller Offenheit kultivieren“, sich für die Welt zwar verantwortlich, aber nicht schuldig fühlen, sein Leben als zu gestaltendes Kunstwerk betrachten, und vieles mehr. Die Ratschläge sind zum Teil sehr kleinteilig und können hier in ihrer Bandbreite nicht wiedergegeben werden. Gegen eine Einstufung des Buches als Satire spricht, dass sämtliche Ratschläge mit großem Ernst vorgetragen werden und – das muss man zugestehen – durchaus sinnvoll erscheinen. Gegen eine bloße Satire spricht weiter, dass an manchen Stellen die metaphysische Einsamkeit des Solipsisten in seiner existentiellen Not dargestellt wird, insbesondere in dem Abschnitt „Nachtangst vor der völligen Leere“. Möglicherweise gibt das Buch – in einer überarbeiteten Form – bereits den Inhalt desjenigen Tagebuchs wieder, das zu führen dem Leser nachdrücklich empfohlen wird.

Ein interessantes und im ganzen geheimnisvolles Buch, das in seinem Facettenreichtum von diesem Nachwort nur unzureichend eingefangen werden kann und über dessen Lesart und Wert nur der konkrete Leser selbst zu entscheiden vermag.

Wolfgang Schulte (2026)