(360) Bei den Proben hatte alles funktioniert.

Bei den Proben hatte alles funktioniert. Sie hatten immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe wiederholt und alles, was eigentlich sehr spontan aussah und wie im Augenblick geboren, war genau so in der Choreografie festgehalten. Es gab so gut wie keinen Spielraum. Damit hatte Danilo ein Problem. Er hatte sich selbst mit Strawinskis Sacre du Printemps beschäftigt und eine andere Auffassung entwickelt. Für ihn war es ein ständig wiederkehrender Zyklus, der aber nur von einem der Teilnehmer geträumt wurde. Er fand, dass es durchaus sinnvoll war, in dem Opferteil seine eigene Rolle heraus zu isolieren. Er dachte sich den Tanz nur aus. Es war nicht richtig, dass seine Rolle nur einfach da lag und autistisch mit starr nach oben gereckten Armen auf etwas wartete, das am Ende nie kam. Nein, er wollte explizit zeigen, dass dies eine aktive Rolle war, die mit dem Opfer kommunizierte. Er wollte, um es kurz zu sagen, gemeinsam mit der Frau im roten Kleid tanzen. Natürlich würde sie am Ende tot umfallen, das war nun einmal die Prämisse von Strawinski. Sie war das Frühlingsopfer, das dem Ballett den Namen gab. Aber es gab keine Anweisung Strawinskis, dass sie alleine tanzen sollte.

Natürlich erzählte er niemand von diesen Überlegungen und deshalb gab es auch keine Möglichkeit, eine alternative Fassung mit den anderen Tänzern einzustudieren. Aber er musste es wagen und die erste Gelegenheit war die Premiere, denn niemand würde es wagen, ihn bei der Premiere zu unterbrechen. Diese 15 Minuten gehörten ihm.

Als Danilo sich bei der Premiere nicht mit ausgetreckten Armen hinlegte, dachten sie zuerst, er hätte sich geirrt und wiesen ihn mit Zischen auf den Fehler hin. Er aber tanzte einfach weiter. Dann wollten sie ihn mit ihren Körpern isolieren und von der Bühne drängen. Aber Danilo war einfach zu kräftig und wendig, als dass sie damit Erfolg hatten. Er tanzte sehr gut. Er hatte sich eine eigene Choreografie ausgedacht, die ganz genau mit den Bewegungen der Frau im roten Kleid harmonierte. Wenn sie bei ihrer Rolle blieb, dann würde es so klappen, als ob sie es schon hunderte Male probiert hätten. Bereits nach ein paar Figuren merkte Danilo, dass er gerade dabei war, etwas Neues zu erschaffen und dass es funktionierte. Allerdings war seine Partnerin nicht selbstsicher genug, um ihre Routine einfach fortzuführen, komme was wolle. Sie fing ebenfalls an, zu improvisieren, vielleicht, das musste man ihr guthalten, inspiriert von Danilos neuen Bewegungen. Jedoch zerstörten ihre Improvisationen seine Planungen und es kam zu Disharmonien. Er versuchte, diese Unwucht auszugleichen, indem er mit Improvisationen auf ihre einging, damit der Gesamteindruck immer noch stimmte. Aber das verursachte nur noch größeres Chaos. Als alles zu implodieren drohte, nahm der Dirigent eine gewaltige Abkürzung. Er ließ das Orchester unvermittelt die letzten Takte anstimmen, auf die alle Tänzer probegemäß antworteten. Es kam das letzte Tutti, alle fielen hin und der Vorhang fiel.

Die meisten Abonnementbesucher hatten bestimmt nichts von den Konflikten auf der Bühne bemerkt. Als der Vorhang geschlossen war, rotteten sich die anderen Tänzer wie ein Rudel Wölfe um Danilo herum zusammen. Es sah so aus, als ob sie ihn in Stücke reißen wollten.