(351) Der Palace hieß eigentlich Palace of Auburn Hills…

Der Palace hieß eigentlich Palace of Auburn Hills und war ein riesiger Sport und Entertainment-Komplex, der gleichermaßen für Basketballspiele, Konzerte und Boxkämpfe genutzt wurde.

Die Architekten hatten eine Besichtigung gebucht und wollten im Anschluss eine Veranstaltung erleben. Am Tag ihres Besuches gab es ein Box-Event mit einer ganzen Reihe von Kämpfen, zu denen die Gruppe gute Ringside-Plätze bekommen hatte.

Als sie am Palace ankamen, wurden sie von einem Vertreter der Betreibergesellschaft begrüßt. Er zeigte ihnen zuerst den Aufbau des Komplexes an einem Skalenmodell. Dann schauten sie sich den Zuschauerraum und den Bühnenteil bzw. das Spielfeld an. Nachher, beim Kampf war nicht mehr die Möglichkeit dazu. Schon jetzt hatten sich ein paar Fans im Zuschauerraum eingefunden und lasen Zeitung oder schauten stoisch den Architekten zu.

Dann bekamen die Besucher einen Einblick in die Haustechnik. Markus und Konstantin diskutierten erregt, wie sinnvoll es sei, dass die Zuschauer drei Eingänge nutzen konnten, während es zusätzlich noch einen vierten Ausgang gab. „Rein kommen die Leute nach und nach. Raus gehen sie alle gleichzeitig. Deshalb braucht man mehr Aus- als Eingänge.“ – „Da gebe ich dir recht, Markus, aber es schadet auch nicht, alle verfügbaren Eingänge zu nutzen.“

Sie schauten sich im Detail den großen Regieraum an, in dem die gesamte Haustechnik inkl. Audio- und Videogeräte bedient werden konnten. „Für die TV-Übertragungen können die hier kein Risiko eingehen. Da muss alles redundant aufgebaut sein“, erklärte Markus Konstantin, der sich augenrollend wegdrehte.

Danach schauten sie sich den sogenannten Backstage-Bereich an, im Wesentlichen die Umkleidekabinen der Sportler oder der Künstler. Markus und Konstantin waren wegen ihrer Diskussion etwas zurückgefallen. Sie kamen an einer Garderobe mit einem blauen Stern vorbei. Markus probierte die Tür, sie ließ sich öffnen. Innen stand ein Mann, der nur einen blauen Short trug und im Seil sprang. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet, an die weiße Kachelwand. Er schien die beiden nicht einmal zu bemerken. Markus zog schnell die Tür wieder zu.

Scott ‚Hellraiser‘ Stuppy hatte die beiden bemerkt, aber er hatte ihre Präsenz nicht anerkennen wollen. Er konzentrierte sich auf seinen Kampf, der in einer Stunde beginnen würde. Sein Gegner würde Damien ‚Pain Server‘ Bishop sein. Damit hatte Stuppy kein Problem. Was ihm den kalten Schweiß ins Gesicht trieb war, dass er Geld bekommen hatte, um sicherzustellen, dass Bishop gewinnen würde.

(352) Der Kampf Scott ‚Hellraiser‘ Stuppy vs. Damien ‚Pain Server‘ Bishop hatte pünktlich begonnen.

Der Kampf Scott ‚Hellraiser‘ Stuppy vs. Damien ‚Pain Server‘ Bishop hatte pünktlich begonnen. Die Architekten saßen in Zone AA an ihren bestellten Plätzen. Dem Ring diametral gegenüber saßen ein kleiner Mann mit unvorteilhaft zerknautschtem Gesicht und ein großer grobschlächtiger Mann, der eifrig darauf bedacht war, es dem kleinen Mann recht zu machen.

Die erste Runde hatte begonnen. „Hast du ihm alles richtig eingeschärft?“, fragte Tony Chisholm. „Ja, Boss“, antwortete Barry. Oben im Ring landete Stuppy eine trockene rechte Gerade bei Bishop. „Was macht dieser verfickte Hurensohn denn? Das hätte den anderen ausknocken können. Scheiße, Barry, wenn das in die Hose geht, bau ich mir mit deinen Muskeln Saiten für einen Kontrabass.“

Jetzt landete Bishop einen Haken an Stuppys Kinn, der aber nicht fest genug war, um den Boxer in Bedrängnis zu bringen. „Gut so, du Schwanzlutscher“, ereiferte sich Chisholm. „Das nächste Mal bitte auch mit Schwung. Du Armleuchter.“

Eine Stimme hinter ihm sagte: „Sir, könnten Sie sich bitte etwas zurückhalten. Es sind Kinder hier.“ Chisholm fragte Barry: „Hast du etwas gesagt, Barry“ – „Nein, Boss. Das war der Herr hinter dir.“ – „Komisch, ich dachte, das wäre dein schwachsinniges Gebrabbel gewesen.“ – „Nein, Boss.“

Die erste Runde war vorbei. Chisholm starrte Stuppy an. Der schien aber gar nichts mehr wahrzunehmen. „Dieser verfickte Idiot“, fluchte Chisholm. Eine Hand berührte ihn leicht an der Schulter. Chisholm schnellte herum und fauchte dem erschrockenen Zuschauer hinter ihm ins Gesicht: „Fass mich noch einmal an, du fette Schwuchtel, dann stopf ich dir die Zähne in den Hals.“

Der Gong zu der zweiten Runde erklang. Stuppy stand mit einem einzigen Satz in der Mitte des Rings und sah aus, als ob er keinen fürchtete. Bishop war etwas verwirrt. Man hatte ihm gesagt, dass Stuppy ein leicht zu bezwingender Gegner sei. Dann traf ihn wieder die linke Faust von Stuppy. „Du verfickter Schwanzlutscher. Ich reiß dir die Eingeweide raus und benutze sie als Bindfaden.“ Chisholm war außer sich vor Wut. Sein Hintermann legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen. Chisholm schnellte herum und traf den korpulenten Mann, der mit seinem übergewichtigen Sohn zum Box-Event gekommen war, mitten auf die Nase. „Du verwichster Scheißer, weißt du überhaupt, mit wem du dich hier anlegst“, zischte er. Chisholm zog sich einen Slipper vom rechten Fuß und drosch damit auf den Mann ein. Dessen Sohn starrte Chisholm entgeistert an und fing an zu weinen. Daraufhin haute Chisholm auch auf das Kind. Die anderen Nachbarn griffen ein und wenn die beiden Polizisten nicht gekommen wären, hätte Barry die Lage klären müssen.

(353) Officer Chris Cooper sprach mit Chisholm.

Officer Chris Cooper sprach mit Chisholm. Sein Kollege hatte Barry zur Seite genommen und hielt ihn unter Kontrolle, mit einer Hand an der Pistole. Sie hatten die beiden von ihren Ringplätzen weggezogen und in einen ruhigen Flur gebracht. Ab und zu gingen Zuschauer an ihnen vorbei auf dem Weg zu den Waschräumen.

Cooper hatte Chisholm nach einem Ausweis gefragt und dessen britischen Pass bekommen. „Sie sind Engländer? Mr. Chisholm, was machen Sie hier in Detroit?“ Chisholm schien sich zuerst unsicher, ob er weiter den harten Kerl markieren wollte und entschied sich dann für die weiche Variante. „Ich bin Tourist und wollte schon immer mal Detroit, die Hauptstadt des Automobils anschauen.“ – „Das soll ich Ihnen glauben, Mr. Chisholm? Warum haben Sie einen solchen Aufstand gemacht?“ – „Es tut mir sehr leid. Ich bin ein hochemotiver Mensch. Ein Boxkampf bringt mein Blut in Wallung. Ich wollte dem Mann nicht wehtun. Mein Temperament ist mit mir durchgegangen.“ – „Zu einer gebrochenen Nase gehört nicht nur Temperament, sondern auch Können. Was machen Sie im Leben, Mr. Chisholm?“ – „Ich bin Geschäftsmann, investiere mal hier, mal dort.“

Ein Aufschrei drang aus dem großen Saal. Ein Mann rannte vom Klo zurück und fragte einen anderen, der in der Durchgangstür stand, was los sei. „Bishop hat den Hellraiser plattgemacht. Er konnte im letzten Augenblick wieder aufstehen. Der macht es nicht mehr lange.“ Als Chisholm das hörte, begann er auf und ab zu hopsen. „Sie sind ein Fan von Bishop?“ Chisholm nickte, breit grinsend, hielt sich dann aber zurück. „Nun, wie gesagt, ich bin ein hochemotiver Mann. Und sehr religiös. Wenn jemand Bishop heißt, dann kann ich nicht anders, als ihn zu unterstützen.“

Kurz darauf kam ein noch größerer Aufschrei aus der Halle. „Bishop liegt am Boden. Sieht bewusstlos aus… Stuppy hat gesiegt!“ Chisholm wurde leichenblass. Cooper hatte den Eindruck, dass er das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Er schaute sich vorsorglich um, ob die Sanitäter noch in der Nähe waren. Chisholm sprang weg von Coopers Seite und rannte zu Barry. Barry hob die Arme über den Kopf und rutschte an der Mauer herunter, bis er in der Hocke an der Wand lehnte. Auch in der Position war er noch fast so groß wie Chisholm. Chisholm stieß Coopers Kollegen zur Seite und schlug mit den Fäusten auf Barrys Kopf ein. „Du verfickter Loser! Missgeburt! Ich werde dir die Haut über die Ohren ziehen…“ Cooper riss Chisholm an den Schultern zurück und der andere Polizist wollte Chisholm an den Fäusten festhalten. Als es ihm gelang, legte er ihm Handschellen an. Chisholm trat weiter mit den Füßen nach Barry. „Elender Schwanzlutscher!“

(354) Als Chris Cooper nach Hause kam, war es schon spät.

Als Chris Cooper nach Hause kam, war es schon spät. „Bianca?“, rief er hoffnungsvoll in die leere Wohnung. Eigentlich hatte er erwartet, sie dort zu finden. Aber sie war ausgegangen, obwohl sie wusste, dass er spätestens jetzt zu Hause sein würde. Es geschah immer häufiger, dass sie mit Freundinnen unterwegs war. Chris hatte nichts dagegen. Ein kühles Bier und dabei Sport zu schauen, das machte ihn schon glücklich.

Als er seinen Schlüssel in der Diele in die Schale warf, bemerkte er eine Visitenkarte. Er fischte sie heraus. Links war ein Ford Mustang mit einer Strichzeichnung abgebildet. Der Name daneben elektrisierte ihn: Frank Carter. Immer wieder fiel der Name in Polizeibriefings. Frank Carters Werkstatt wurde untersucht. Er wurde zur Befragung wegen Autohehlerei auf das Revier zitiert. Anwälte von Frank Carter holten ihn aus dem Untersuchungsgefängnis raus.

Immer, wenn es um Autoschieberei ging, fiel der Name Frank Carter. Der Mann war brandheiß. Und jetzt hatte Bianca offensichtlich eine Beziehung mit diesem Kerl. Chris fühlte, wie ihm die Beine versagten. Er atmete schneller. Es war, als ob das Blut nicht schnell genug zum Kopf kam. Chris hatte das Gefühl, dass überall um ihn herum nur Kriminelle, Abschaum, das Letzte vom Letzten waren. Er war der Letzte der Aufrechten. Wenn jetzt schon Bianca mit solchen Leuten abhing… Frank Carter… Tony Chisholm… Es war wie bei dem vielköpfigen Monster. Man konnte so viele Köpfe davon zur Strecke bringen wie man wollte, immer wieder wuchsen neue nach. Es war ein Kampf, bei dem der Sieger schon feststand und Chris war nicht auf dessen Seite.

Er bekam Kopfschmerzen. Das letzte Mal als er in dieser Situation war, hatte er einen Termin beim Polizeipsychologen. „Sie haben den falschen Job erwischt, wenn Sie das nicht aushalten…“ Harte Worte. Aber er hatte wahrscheinlich recht. Wie kann man gegen einen Feind kämpfen, wenn man glaubt, den Kampf schon verloren zu haben?

Chris fühlte sich eingeengt und versuchte, seine Atmung zu kontrollieren. Bianca hatte seine Beklemmungen bei Verbrechen schon immer lachhaft gefunden. Für sie war Verbrechen ein Kavaliersdelikt. Eine Möglichkeit schneller reich zu werden. Wie hatte er ihr nur so lange vertrauen können. Es war klar, dass sie ein Flittchen war, das keine Moral hatte und sich mit dem einließ, der ihr am meisten bot. „Wer bist Du denn?“, hatte sie gesagt. „Bist du der Heiligste von allen? Bis du der Heilige Chris? Der Nachfahre von Jesus?“ Nein, er war ganz bestimmt kein Heiliger. Wer ist schon heilig, dachte er. Dann fiel ihm Linda Fox ein. Sie hätte ihm jetzt helfen können.

(355) Chris Cooper hatte keine schöne Kindheit gehabt.

Chris Cooper hatte keine schöne Kindheit gehabt. Seine Eltern trennten sich, als er fünf Jahre alt war. Danach hatte er seinen Vater nie wieder gesehen. Seine Mutter verfiel immer mehr dem Alkohol und kümmerte sich auch nicht mehr um ihn. Mit sieben Jahren kam er zuerst in ein Kinderheim, wurde aber schnell in eine Pflegefamilie platziert.

Die Familie war äußerst religiös und streng. Für den kleinen Chris gab es weder Liebe nach Vergnügen. Das Leben bestand aus einer Reihe von Aufgaben und Prüfungen, bei denen er sich würdig zeigen musste, um als Geschöpf Gottes zu leben. Lob erhielt er nie, Tadel meistens und Schläge oft. Chris Cooper wurde ein trauriges Kind, aus dem ein trauriger Jugendlicher wurde.

Linda Fox hatte er es zu verdanken, dass diese Entwicklung unterbrochen wurde. Sie war seine Biologielehrerin und irgendwie mochte sie den Jungen mit den traurigen Augen. Sie unterstützte ihn bei den Hausaufgaben, ermunterte ihn und vor allem gab sie ihm etwas Liebe und Wärme. Natürlich gab es auch Konflikte mit Chris‘ Pflegefamilie, die Linda aber immer mit ihrer großen Sprechbegabung löste. Außerdem musste sie versprechen, niemals Darwin und seine Werke zu erwähnen. Sie zeigte Chris, dass es auch noch etwas anderes gab, außerhalb von Aufgaben und Prüfungen. Sie tat es ganz unentgeltlich, nur aus dem Gefühl heraus, Chris etwas geben zu können.

Neben ihrem Job als Biologielehrerin forschte Linda und züchtete Pflanzenreihen. Chris half ihr oft dabei, Pflanzen miteinander zu kreuzen, indem er die Pollen der einen Sorte auf die Narben der anderen Sorte übertrug. Es waren die glücklichsten Momente in seinem Leben, wenn Linda sich bei ihm bedankte für einen perfekt ausgeführten Job.

Sie erzählte ihm nichts von Darwin und seinen Entdeckungen, dafür erklärte sie ihm Genetik. Obwohl er das Meiste davon nicht verstand, fand er ihre Ausführungen faszinierend. Er hätte gerne Wissenschaftler werden wollen, wie sie. Er erkannte aber auch, dass es ihm an Eignung dafür fehlte. Als er nach der Schule zur Polizeiakademie gehen wollte, bestärkte sie ihn in seiner Entscheidung. Anders als seine Pflegefamilie, die ihn am Liebsten als Pfarrer gesehen hätte.

Als er bei der Polizei angenommen wurde, feierte Linda mit ihm. Als er sein erstes Akademiejahr begann, erhielt sie ein Jobangebot aus Deutschland und nahm es an. Sie sollte sich dort um die Züchtung von bestimmten Kartoffelsorten kümmern. Chris blieb noch längere Zeit mit ihr in Briefkontakt und sie schrieb, dass sie sehr erfolgreich sei. Eine Kartoffelsorte sei sogar nach ihr benannt worden. Nach und nach wurden die Briefe spärlicher und blieben schließlich aus.

(356) Mir reicht es!

„Mir reicht es!“ Björn Kube ließ die Kiste mit den Setzkartoffeln auf den Tisch in der Scheune krachen. „Was ist denn los?“, fragte ihn seine Frau Doris. Björn war immer ein besonnener, eher wortkarger Mensch. Wenn er aus der Haut fuhr, gab es dafür einen wichtigen Grund.

„Ich war eben in der Kooperative und wollte die Setzkartoffeln kaufen. Jetzt stell dir mal vor: Es gibt keine Linda mehr.“ – „Was, sind die krank oder so was?“ – Nein, es gibt die schon noch, aber man will sie uns nicht mehr verkaufen.“ – „Wer kann denn so was bestimmen? Das ist doch eine Pflanze.“ – „Ja, aber die Sorte gehört irgendeiner Firma und die will nimmer. Die haben mir jetzt etwas anderes verkauft. Hier“, er deutete auf das Etikett auf der Kiste, ‚Belana‘ heißt die.“ – „Nee“, antwortete Doris, „ich will meine Linda wieder haben.“

Drei Wochen später hatte Björn Doris etwas Wichtiges mitzuteilen. Er hatte sich erkundigt und hatte einen Plan. Doris und er würden den Hof mit dem Ackerboden verkaufen und nach Südamerika ziehen. Dort gab es große Landflächen, die sich für den Anbau von Kartoffeln eigneten und die für einen erschwinglichen Preis gekauft werden konnten. „Stell dir vor“, sagte Björn. „Für den Wert des Hofes bekommen wir dort eine Fläche, die hundertmal so groß ist.“ – „Und wer soll das bewirtschaften?“ – „Dort gibt es viele Leute, die für dich arbeiten. Es ist eine Riesenchance aus diesem ganzen Regelungsdschungel rauszukommen. Ich kann uns auch ein paar Zentner Linda besorgen, die wir mitnehmen können, um sie dort selbst zu züchten. Da kümmert sich keiner um so was. Also, was ist?“

Doris erbat sich Zeit zum Nachdenken. Sie sagte schließlich zu und Björn inserierte den Hof und seine Ländereien. Es gab einige Interessenten und nach drei Monaten war der Hof verkauft. Während Björn den Kauf in Südamerika vorbereitete, half Doris dem neuen Besitzer, einem jüngeren Bauernsohn aus dem Nachbardorf. Als Björn Doris mitteilte, wann sie auswandern würden, sagte sie ihm, dass sie es sich anders überlegt habe und auf dem Hof bliebe. Sie habe eine Beziehung mit dem neuen Eigentümer.

Björn blieb nichts anderes übrig, als die Überreise nach Südamerika, ohne Doris anzutreten. Dafür hatte er mehrere Zentner Linda dabei, die er vor der Abreise mit Chlorpropham behandelt hatte, um eine zu frühe Keimung zu verhindern. Diese Behandlung wäre ihm in der alten Heimat auch untersagt gewesen. Er war froh, dass er neuen Abenteuern entgegen fuhr.

(357) Kube ließ sich durch die Trennung von Doris nicht beirren.

Kube ließ sich durch die Trennung von Doris nicht beirren. Er hatte alles, was er besaß, in den Aufbau der neuen Farm in Südamerika gesteckt. Da Kube den Elternhof in die Ehe gebracht hatte und das Vermögen der Eheleute bei der Scheidung weniger groß war, musste er Doris nichts davon abgeben.

In der Neuen Welt stürzte er sich mit dem größten Eifer auf den Aufbau der Farm. Zuerst holte er sich einen Vorarbeiter, der Englisch sprach und dem er seine Vision vermitteln konnte. Gemeinsam wählten sie dann über 50 Landarbeiter aus, die das Land in den richtigen Zustand bringen sollten, um die ersten Linda-Setzkartoffeln in die Erde zu bringen. Vom Staat hatte Kube ein riesiges Stück Land zur Verfügung gestellt bekommen, mit der Maßgabe, es innerhalb von 12 Monaten zu bebauen. Anderenfalls würde man ihm den Boden wieder wegnehmen. Das Land war erst durch Brandrodung gewonnen worden und die Krume war sehr dünn. Kube machte sich Sorgen, dass es dem Boden an Nährstoffen fehlen könnte. Er musste abwarten, wie die erste Ernte sein würde. Danach konnte er berechnen, wie viel Geld er übrig hatte, um Dünger zu kaufen. Er hatte sich inmitten der entstehenden Äcker eine einfache Holzhütte gebaut. Um ihn herum, hatten sich der Vorarbeiter und die anderen Mitarbeiter ebenfalls weitere Hütten gebaut.

Es gefiel Kube inmitten seiner Ländereien und zusammen mit seinen Leuten zu wohnen. Es war wie eine Rückkehr zu allem, wofür der Ackerbau stand. Ehrliche Arbeit, die nicht durch Regelungen eingeschränkt wurde. Manchmal dachte er an Doris, wenn er abends alleine auf seinem Feldbett lag.

Eines Tages saß er auf seinem Pferd, auf einem Feld nahe dem ursprünglichen Wald. Am Rande sah man noch die schwarze, verbrannte Kante. Er leitete das Pferd ein paar Meter in den Regenwald hinein. Es war sofort ein anderes Klima. Die Töne waren lauter, aber auch gedämpfter. In den Bäumen über ihm hörte er ein krächzendes Schreien. Er sah etwas Rotes in den Blättern schimmern. Neugierig nahm er das Gewehr von den Schultern und legte an. Er drückte ab. Hunderte Vögel, derer er sich vorher nicht bewusst war, flatterten aufgeschreckt hoch. Der rote Punkt taumelte und fiel dann im Zickzack durch die Bäume nach unten. Kube sprang vom Pferd und lief hin, als der Punkt auf den Boden fiel. Es war ein großer Papagei, den er geschossen hatte. Seine Federn waren rot am Kopf und ansonsten blau am restlichen Körper. ‚Seltsamer Vogel‘, dachte Kube. ‚Den werde ich mal Zanner schicken.‘

(358) Bert Zanner hatte Bauer Kube kennengelernt, als er auf dessen Hof ein paar Vogelstudien unternommen hatte.

Bert Zanner hatte Bauer Kube kennengelernt, als er auf dessen Hof ein paar Vogelstudien unternommen hatte. Er arbeitete in der Vogelarchivabteilung des Naturwissenschaftlichen Museums. Kube war sehr gastfreundlich gewesen und die beiden hatten sich angefreundet.

Nachdem Zanner aber immer weniger Forschung und immer mehr Verwaltung betrieb, gab es kaum Anlässe, dass sie sich trafen. Kube hatte Zanner nicht gesagt, dass er nach Südamerika auswandern wollte. Daher war der Wissenschaftler erstaunt, als er ein Paket von Kube erhielt, in dem er ihm von seinen Veränderungen berichtete, sowohl was den Hof anging als auch die Trennung von Doris.

Sehr aufmerksam las Zanner als Kube ihm erklärte, wie er zu dem anliegenden Vogel gekommen war. Zanner nahm den toten, aber bereits präparierten Papagei aus der Schachtel und klemmte ihn zur Betrachtung in ein Stativ. Wie Kube schrieb, war es ein seltsamer Vogel. Er sah aus, wie ein Großer Ara (Ara macao), aber die Färbung des Körpers passte nicht dazu. Am nächsten Tag nahm er den Papagei mit ins Archiv, um ihn mit anderen Exemplaren zu vergleichen. Zanner öffnete einen großen Schrank, in dem in vielen Schubladen hunderte präparierte Papageien aus dem Amazonasgebiet auf das Jüngste Gericht warteten. Er verglich Kubes Fund mit den bereits bekannten Aras. Es war nicht nur die Farbe des Rumpfes, die abwich. Der Papagei hatte auch eine leicht andere Kopfform. Systematisch arbeitete er die Sammlung durch und suchte nach Übereinstimmungen. Er kam aber nicht weiter. Erst als er versehentlich, eine der Schubladen des Hyazinth-Aras (Anodorhynchus hyacinthinus) öffnete, fiel ihm die Übereinstimmung des Federkleids auf. Er verglich Kubes Ara mit dem Großen und dem Hyazinth-Ara. Kubes Vogel musste eine Kreuzung aus den beiden anderen sein. Aber das war eigentlich unmöglich, da dies bisher noch nie passiert war, seit es Aufzeichnungen gab.

Zanner war elektrisiert. Er schickte Kube ein Update seiner Recherchen und fragte ihn, ob es noch mehr von diesen Vögeln gab. Kube antwortete ihm, dass er noch keinen anderen gesehen habe. Die Eingeborenen, mit denen er darüber sprach, hielten Kube für verrückt, weil sie diese Mischung bei einem Papagei noch nie gesehen hatten. Kube war zerknirscht, als ihm klar wurde, dass er wahrscheinlich das einzige Spezimen dieser Art geschossen hatte. Zanner wollte ihn trösten und benannte die Art des toten Papageis nach ihm, ‚Ara kubensis‘.

(359) Als Fritz Zanner geschieden war und sich zur Ruhe setzte, begann er ein neues Leben.

Als Fritz Zanner geschieden war und sich zur Ruhe setzte, begann er ein neues Leben. Er lebe bewusst, erklärte er seinem Sohn. Bert konnte verstehen, dass sein Vater viel Zeit in der Natur verbrachte, beim Essen achtgab, keinen Alkohol mehr anrührte. Als Fritz aber anfing, ins Fitnessstudio zu gehen und mit 71 Jahren einen Skateboard-Kurs belegte, schien ihm das übertrieben. Er hatte auch Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen, dass sein Vater von ihm nicht mehr als ‚Vater‘ angesprochen werden wollte, sondern als ‚Fritz‘. Fritz seinerseits konnte nicht verstehen, dass Bert sein Leben als Forscher in der ‚freien Wildnis‘, wie er es ausdrückte, austauschte gegen einen Bürojob. „Dafür ist der Mensch nicht gemacht“, sagte er Bert. „Diese Geschichte mit dem Papagei. Das ist doch krank. Jemand erschießt einen Papagei, damit du ihn dir ankucken kannst. Und du vergleichst ihn mit einer LKW-Ladung von weiteren getöteten Papageien, die in Schubladen bei euch rumliegen. Krank! Du lebst ein Leben gegen die Natur.“

Das sagte Fritz, als Bert ihn im Krankenhaus besuchte. Nur wenige Tage zuvor hatte der Arzt bei Fritz Darmkrebs festgestellt. Es war keine Zeit zu verlieren, deshalb kam er gleich unters Messer. Bert hätte ihn darauf hinweisen können, dass sein bewusstes Leben nichts gebracht hatte und dass Fritz die gleichen Probleme hatte, wie alle anderen auch. Aber er wollte keine Diskussion mit seinem Vater anfangen.

„Gehst du eigentlich regelmäßig zur Vorbeugung, Bert?“ – „Wie meinst du das?“ – „Prostatauntersuchung, Darmspiegelung usw. Alles Dinge, die ein Mann in deinem Alter machen lassen müsste.“ Bert runzelte die Stirn. Solche Themen wollte er nicht mit seinem Vater diskutieren. „Nein, das brauche ich noch nicht.“ – „Falsch. Gerade bei deinem Lebenswandel ist das wichtig. Du sitzt die ganze Zeit und schaust dir tote Papageien an. Du ernährst dich falsch. Wenn man mir schon den halben Darm wegschneiden muss, dann solltest du dich aber sehr warm anziehen. Ich habe mit meinem Arzt geredet, Dr. Färber. Er ist ganz meiner Meinung. Deshalb habe ich dich angemeldet.“ – „Angemeldet? Wozu?“ – „Zur Darmspiegelung. Du hast einen Termin morgen Vormittag. Du musst nachher noch zur Stationsschwester gehen wegen Klistier und so. Und du darfst vorher nichts essen.“ – „Ich will keine Darmspiegelung.“ – „Papperlapapp. Das ist überhaupt keine Sache. Die schauen mal eben bei dir rein und ehe du dich versiehst, ist die ganze Sache schon vorbei. Nachher kannst du dann noch einmal bei mir vorbeikommen. Ich spendiere dir auch einen Apfel. Äpfel sind sehr gesund. Jeden Tag mindestens einen!“

(360) Natürlich ärgerte sich Bert über Fritz.

Natürlich ärgerte sich Bert über Fritz. Wie konnte er einfach so einen Termin für ihn organisieren, bei so einer persönlichen Sache, wie einer Darmspiegelung? Der Hinweis, dass es vielleicht sinnvoll wäre, hätte völlig gereicht. Ja, es wäre gut möglich, dass Bert nichts unternommen hätte. Aber er war ja auch ein erwachsener Mann. Und pflichtbewusst. Deshalb war er am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus gekommen, und war durch die endlosen Gänge zur Proktologie gegangen.

Jetzt saß er im Wartezimmer und war nicht glücklich. Normalerweise sah er seinen Vater nur zwei- oder dreimal im Jahr. Die Scheidung damals war für alle eine Belastung, vor allem für Bert, der sich mehr um seine Mutter kümmern musste. Fritz wollte ja bewusst leben und alle negativen Einflüsse auf sein Leben abstellen. Dazu gehörte in seinen Augen auch Berts Mutter.

Seine Mutter sah Bert sehr viel öfter. Manchmal lud sie ihn ein zu einer der Veranstaltungen, die sie für ihre Freunde organisierte. Er kam sich dabei zwar verloren vor, aber er fühlte, dass es seine Pflicht war, dorthin zu gehen. So wie es jetzt seine Pflicht war, dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen und in diesem öden Wartezimmer darauf zu warten, dass jemand ihm einen Schlauch in die Eingeweide schob. Vielleicht arbeitete er deshalb so gern mit toten Papageien. Wenigstens lösten sie bei ihm kein Pflichtbewusstsein aus. In ihrer Gegenwart war er nur er selbst. Bert pur. Sonst war er immer der Bert, den man von ihm verlangte. Sohn-Bert. Wissenschaftler-Bert. Vogelkundler-Bert. Aber nie Bert-Bert. Dabei war er ja im Grunde frei. Er konnte alles machen, was er wollte. Unruhig rutschte er auf dem Stuhl hin und her. Krank wurde man ja nur im Krankenhaus. Was wenn man etwas bei ihm finden würde. Schnell auf den Operationstisch und dann ausstopfen wie einen toten Vogel. Ein Bertus Zannerensis, die Feld-, Wald- und Wiesenvariante des Vogelkundlers. Was, wenn er jetzt einfach aufstehen würde und ginge. Man würde sich vielleicht wundern. Insgeheim ihn einen Waschlappen nennen. Oder respektvoller: ‚Der Herr Zanner hört auf sich selbst.‘ Aber man konnte ihn nicht dazu zwingen. Es würde nichts passieren. Gut, er würde danach nicht noch einmal zu seinem Vater gehen. Fritz würde ihn ausfragen und Bert mochte nicht lügen. Oder er säße bei seinem Vater und die Stationsschwester käme dazu: ‚Ach da sind Sie ja, Herr Zanner. Jetzt kommen Sie gleichmal mit, der Doktor wartet mit dem ganz großen Schlauch auf Sie.‘ Nein, das war nicht denkbar. Wenn schon, dann musste er gleich ganz gehen.