(10) Nachdem Rückborn lange genug vor dem leeren Blatt Papier gesessen hatte…

Nachdem Rückborn lange genug vor dem leeren Blatt Papier gesessen hatte, zerknüllte er das Blatt und warf es in den Papierkorb. Er trank noch einen Schluck Rotwein und konzentrierte sich auf das nächste weiße Blatt. Wenn er nur lange genug darauf starrte, würde ihm etwas einfallen, mit dem er es füllen konnte. Es war ja alles in ihm drin. Er musste es nur zu Tage fördern.

Seine Augen konnte er kaum noch offenhalten, denn die Lider wurden immer schwerer. Plötzlich schreckte er hoch, als die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufgerissen wurde. Dan Aykroyd alias Dr. Stantz kam aufgeregt herein. Auf dem Rücken trug er ein blinkendes Protonen-Pack. „Wir haben ein Gespenst in der Kirche!“, schrie er Rückborn an, der vor Schreck sein Weinglas umstieß, das sich in die Packung mit den Kleenex-Tüchern entleerte. Der Wandschrank wurde aufgeschlagen und Harold Ramis alias Dr. Spengler trat heraus. „Ray, du hast den Heiligen Geist gesehen. Das ist normal.“ Darauf öffnete sich noch einmal die Tür und Richard Feynman trat herein. „Prof. Feynman!“, riefen Stantz und Spengler gleichzeitig. „Guten Abend“, antwortete Feynman. „Ich habe gehört, dass es hier eine ungeklärte Frage gibt. Das hat mich hergerufen. Dr. Stantz, Sie haben in der Kirche ein Gespenst gesehen. In welcher Kirche war das?“ Stantz deutete auf Rückborn. „In seiner Kirche.“ – „Herr Rückborn, was ist das für eine Kirche, die Sie als Ihre Kirche bezeichnen?“

Rückborn war zuerst sprachlos. Seine drei Besucher schauten ihn an. „Ich besitze keine Kirche. Ich bin Teil von ihr. Sie definiert, was ich bin. Und gemeinsam mit anderen Gläubigen stellen wir die Kirche dar.“ Feynman kratzte sich am Kopf. „Also sind Sie gleichzeitig ein Teil davon und die Kirche ist ein Teil von Ihnen, richtig? Interessant. Wurde das schon einmal wissenschaftlich untersucht? Ich bin einfach nur neugierig.“

Rückborn hatte sich wieder etwas gefangen. „Was machen Sie alle hier in meinem Arbeitszimmer? Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe arbeiten?“ – „Gentlemen“, sagte Feynman, „ich glaube wir sollten unserem Freund hier nicht weiter zur Last fallen. Er wird bestimmt seine Probleme alleine bewältigen können. Lassen Sie uns spazieren gehen. Dabei kann man am besten nachdenken. Das habe ich von meinem Vater. Er war Uniformverkäufer und ich habe sehr viel von ihm gelernt.“

Stantz, Spengler und Feynman verließen das Zimmer. Rückborn goss sich zur Beruhigung ein weiteres Glas Rotwein ein, zerknüllte das Blatt Papier und warf es in den Papierkorb. Dann legte er sich ein paar Kleenextücher bereit.

(11) Feynman trat mit Stantz und Spengler aus dem Haus.

Feynman trat mit Stantz und Spengler aus dem Haus. „Rückborns beste Tage sind vorbei. Keine Inspiration mehr. Nur noch Alkohol und Masturbation“, stellte Stantz fest. „Es ist sehr traurig, zu beobachten, wie er ständig in der gleichen Schleife festhängt“, fügte Spengler hinzu.

„Sehen Sie, meine Herren, wir müssen die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Zum Beispiel: Was ist das für ein Ding auf Ihren Rücken?“ Stantz antwortete: „Das ist ein Protonen-Pack.“ Feynman blieb stehen und deutete auf das Pack. „Jetzt wissen wir also wie das Ding heißt, aber wir wissen noch nicht im Geringsten, wie es arbeitet.“ Stantz schaute ratlos zu Spengler, der sich schließlich räusperte und sagte: „Es ist ein tragbarer Teilchenbeschleuniger, der einen Strahl mit geladenen Teilchen ausstößt. Damit kann man Ektoplasma einfangen und festhalten.“ – „Schon besser“, Feynman lächelte und bohrte dann nach. „Aber wie hält es das Ektoplasma fest?“ – „Na gut, Professor“, antwortete Spengler, „der Protonenstrahl zerstreut die psychokinetische Energie, das heißt die Hülle, in der sich Geister bemerkbar machen und…“ – „Stopp, stopp, stopp“, Feynman wedelte mit den Händen. „Ektoplasma? Psychokinetische Energie? Gespensterhülle? Meine Herren, Sie benutzen eine Menge von Schlagwörtern, die wissenschaftlich klingen. Aber Sie gehen den Dingen nicht auf den Grund. Das mag vielleicht für die Gespensterjagd ausreichend sein, aber wir sind doch Wissenschaftler! Sie sind doch Wissenschaftler, nicht wahr?“ Stantz und Spengler nickten heftig. Stantz zeigte auf das Wort „Dr.“ auf seinem Namensschild an der Brust. „Sehr schön, Dr. Stantz. Wieder ein Wort, damit wir nichts zu erklären brauchen. Den Unterschied zwischen einfachem Wissen und wirklicher Kenntnis habe ich von meinem Vater gelernt. Einmal gingen wir im Park spazieren. ‚Siehst du den Hasen dort?‘, fragte er mich. ‚Auf Malaiisch heißt er ‚arnab‘, auf Finnisch ‚jänis‘, auf Albanisch ‚lepur‘ und auf Koreanisch ‚toki‘. Du kannst den Hasen in allen Sprachen der Welt benennen, aber am Ende weißt Du daraus nichts über ihn.‘ Das lernte ich von meinem Vater.“

(12) Rückborn wachte langsam auf.

Rückborn wachte langsam auf. Er dachte ein paar alkoholumnebelte Sekunden an seinen Vater, der ihm beigebracht hatte, was es hieß, ein gläubiger Christ zu sein. Er versuchte, vom Tisch aufzustehen, aber es gelang ihm nicht. Er sackte wieder nieder, sein Kopf fiel auf die Tischplatte. Sofort schlief er wieder ein. Schnell träumte er von einem lichten Wald, in dem er als weißer Hase auf einer dicken Schicht toter Blätter herumhoppelte. Er erkundete die Umgebung und stieß auf einen Pfad, der quer durch den Wald verlief. In der Ferne sah er vor den Tannen einen roten Punkt auf und nieder springen. Er kam auf ihn zu. Zuerst duckte er sich im Gras, konnte aber den roten Punkt noch erkennen. Als der Punkt fast bei ihm angekommen war, stürzte er aus dem Gebüsch und stellte sich ihm in den Pfad. Das Mädchen mit der roten Mütze schreckte vor ihm zurück. „Du bist der Osterhase?“, fragte sie ihn. „Nein. Ich bin Propp!“ Er ergötzte sich an ihrem Schrecken. „Jetzt schauen wir doch mal, ob du ein kluges Mädchen bist. Bist du ein kluges Mädchen?“ – „Naja, Herr Propp…“ – „Nur Propp, sonst nichts.“ Er hoppelte einmal um sie herum.

„Schauen wir doch mal, wie klug du bist. Wie heißt der Osterhase auf Holländisch?“ Er schaute sie mit verkniffenen Augen an. „Na?“ – „Ich… ich weiß es nicht.“ – „Versuche es!“ – „Osterhaas?“ – „Paashaas!“, schrie Propp, stürzte sich auf das Mädchen und vergrub seine scharfen Zähne in ihrer Wade. Sie schrie gellend auf und stürzte hin, fing sich mit den Händen. „Und wie heißt er auf Japanisch?“, fragte Propp mit blutverschmiertem Maul. Da das Mädchen nicht sofort antwortete, biss er sogleich wieder zu. „Usagi“, antwortete Propp selbst und dehnte jede Silbe. Mit der Zunge leckte er sich das Blut von den Schneidezähnen. Dann biss er in die andere Wade. „Und wie heißt er auf Persisch?“ – „Ich weiß es nicht, bitte, bitte, aufhören. Ich bin gar kein kluges Mädchen.“ – „Das scheint mir auch so“, antwortete Propp und biss sie noch einmal, einfach weil er es konnte. „Es heißt „khargoosh“ auf Persisch, du dummes Gör.“ Das Mädchen lag jetzt auf dem Rücken und Propp hoppelte um sie herum, er wollte sich jetzt ihre makellosen Arme vornehmen. Dabei war er unachtsam und trat mit einem Hinterlauf in ein Tellereisen. Die Falle schnappte sofort zu. Propp saß fest und ihm war klar, dass er aus eigener Kraft den Bügel nicht öffnen konnte.

Das Mädchen setzte sich auf und erfasste rasch die Lage. Sie griff in ihren Weidekorb und nahm ein Messer heraus. Propp versuchte sich zu wehren, aber sie hielt ihn mit einem Ast an der Kehle am Boden. Mit dem Sägezahnmesser trennte sie Propps freien Hinterlauf ab und hielt die Hasenpfote triumphierend in die Höhe.

(13) Wollen Sie das Geheimnis meines Reichtums kennenlernen?

„Wollen Sie das Geheimnis meines Reichtums kennenlernen?“ Aristoteles Onassis lehnte sich im Sofa zurück und musterte durch seine dicke Hornbrille die Frau, die neben ihm saß. Sie trug ein tiefgeschnittenes, goldfarben glänzendes Abendkleid aus Satin. Sie nickte interessiert mit dem Kopf. Onassis nahm seine rechte Hand aus der Hosentasche. Er hielt sie geöffnet und mit der Fläche nach oben vor sich hin, so dass er und die Frau darauf blickten. Er wartete einen Moment, um die Spannung zu steigern und sagte dann: „Während andere gezaudert haben und sich dafür Entschuldigungen ausdachten, habe ich gehandelt. Nehmen Sie meine Hand und sagen Sie mir, was Sie fühlen.“ Die Frau zögerte kurz, schaute sich um. Sie waren immer noch allein in dem Raum. Sie nahm seine Hand in ihre. „Oh“, sagte sie. Onassis zeigte mit einem breiten Lächeln seine Zähne. Seine Stimme wurde noch dunkler und heiserer. „Was fühlen Sie?“, fragte er. „Ihre Hände sind unglaublich weich“, sie schien erstaunt und dabei schien sie seine Hand zu streicheln wie einen kostbaren Stoff. Er ließ sie gewähren, bis ihr bewusst wurde, was sie gerade tat. Bevor sie selbst reagieren konnte, zog er seine Hand zurück und meinte: „Kommen Sie doch mit an die Bar. Ich mixe einen ganz speziellen Cocktail, nur für Sie!“ Diesmal nahm er ihre Hand, geleitete sie die paar Schritte und zog einen der Barhocker hervor. Sie setzte sich nieder. „Sitzen Sie bequem?“, fragte er. „Oh ja, danke, das ist ein sehr feines Leder.“- „Das feinste Leder, das es gibt“, meinte er zufrieden. Er wollte noch etwas anfügen, besann sich aber anders.

Onassis stellte sich hinter den Bartresen und mixte ihr einen Cocktail aus Rum, Cointreau und Champagner. Sich selbst schenkte er einen Whisky nach und setzte sich dann auf den Barhocker neben ihrem. Mit der Hand strich er kurz über den Bezug des Hockers, dann berührte er ihre Schulter, als ob er eine Haarsträhne von ihr wegstrich. Als sie ihren Sparkling Gold-Cocktail ausgetrunken hatte, flüsterte sie ihm ins Ohr, dass sie sich etwas frischmachen wollte. Als sie aufstand, schlingerte das Schiff etwas und sie musste sich kurz an ihn lehnen. Er beobachtete sie, bis sie den Barraum verlassen hatte. Dann trank er einen Schluck Whisky und nahm aus seiner Hosentasche eine in Silber gefasste Hasenpfote heraus. Er legte sie vor sich hin auf den Tresen. Mit dem rechten Zeigefinger streichelte er langsam darüber.

(14) Kurz bevor der 17jährige Aristoteles Onassis das kleine Café an der Avenida de Mayo in Buenos Aires erreichte…

Kurz bevor der 17jährige Aristoteles das kleine Café an der Avenida de Mayo in Buenos Aires erreichte, verlangsamte er seine Schritte. Anna saß auf der Terrasse und wartete auf ihn. Bevor er zu ihr ging, betrachtete er sie einige Momente. Als sie ihn sah, stand sie auf. Er küsste sie auf dem Mund. Onassis hatte Anna in der Telefonvermittlung kennen gelernt, bei der sie beide arbeiteten. Er war Elektriker und sie war Telefonistin. Zuerst hatte er von ihr nur die Beine gesehen, als er unter den Vermittlungspulten ein Kabel verlegte. Verglichen mit allen anderen Beinen, die er in einer Reihe sah, waren ihre die schönsten. Von einem Telefon in einer Ecke des großen Vermittlungssaals hatte er ihren Arbeitsplatz, die Nummer 193, angerufen. Er hatte ihr gesagt, wie schön sie sei und dass er sie zu einem Kaffee einlade. Zuerst war sie verblüfft gewesen, hatte sich dann geschmeichelt gefühlt und am Ende zugesagt. Die ganze Zeit hatte sie versucht, herauszufinden, wer sie anrief, aber Onassis hielt sich verdeckt. Als sie ihn zum ersten Mal im Café traf, dauerte es nicht lange, bis er sie vollständig umgarnt hatte. Anna war beeindruckt von der Energie, mit der er im Leben weiterkommen wollte. Als er von ihr erfuhr, dass nachts nur Männer in der Vermittlung arbeiteten und diese viel mehr verdienten als er als Elektriker, ließ er sich zum Telefonisten umschulen und arbeitete nun Nachts. Anna und Aristoteles sahen sich ab dann nur noch am Abend: nachdem sie mit Ihrer Arbeit fertig war und bevor er seine begann. Aber auch das gelang nicht immer, weil er in seiner freien Zeit ständig unterwegs war und wichtige Leute traf.

An seinem Geburtstag schenkte sie ihm als Glücksbringer eine in Silber eingefasste Hasenpfote. Sie sollte auch böse Geister vertreiben.

Kurz darauf entdeckte Aristoteles die Möglichkeiten des argentinischen Zigarettengeschäfts. Er importierte türkischen Tabak, den er von seinem Vater kaufte und produzierte damit zwei Marken, Primeros und Osman. Er schenkte Anna eine große Dose mit Zigaretten, die sie aus Pflichtbewusstsein rauchte. Es waren ihre ersten Zigaretten und sie wurde davon abhängig. Danach ließ er sich nicht mehr bei ihr blicken. Wenn sie an ihn dachte, dann daran, als er ihr sagte, dass sie die schönste aller Telefonistinnen war.

(15) Am 15. April 1920, ein knappes Jahr bevor Aristoteles Onassis bei Fahrie’s seine Unschuld verlor…

Am 15. April 1920, ein knappes Jahr bevor Aristoteles Onassis bei Fahrie’s, einem Bordell in Smirna, seine Unschuld verlor, verübten zwei bewaffnete Männer einen Raubüberfall in South Braintree, Massachusetts. Dabei erbeuteten sie das Lohngeld der Schuhfabrik Slater & Morrill Shoe Company und erschossen zwei Angestellte, den Lohnbuchhalter Frederick Parmenter und den Wachmann Alessandro Berardelli. Am 5. Mai nahm die Polizei zwei Anarchisten italienischer Abstammung wegen Tatverdachts fest, Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Das Gerichtsverfahren gegen sie wurde am 31. Mai 1921 eröffnet.

Viele Umstände blieben in der Verhandlung unbeachtet: eine Mütze, die am Tatort gefunden sein sollte und Sacco gehören sollte, war in Wirklichkeit einen Tag später auf der Straße gefunden worden und war Sacco viel zu eng. Die Aussagen der Experten waren vage zur Herkunft der Kugel, die Berardelli getötet hatte. Es gab Zweifel, ob sie aus Saccos Colt abgefeuert worden war. Eine große Rolle spielte hingegen in den Ausführungen vor Gericht, dass beide Männer Anarchisten waren und ihrer Einberufung in die US-Armee 1917 durch die Flucht nach Mexiko entkommen waren. Am 14. Juli 1921, bevor er die Geschworenen zur Urteilsbesprechung entließ, beschwor der Richter besonders die Wichtigkeit von „Treue“.

Nach einer Beratung von drei Stunden, gefolgt von einer Mittagspause von zwei Stunden, befanden die Geschworenen die Angeklagten in allen Punkten für schuldig. Sympathisanten von Sacco und Vanzetti unternahmen erfolglose Versuche, um wegen der Ungereimtheiten eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu bewirken. Auch in Argentinien, wo viele italienische Einwanderer lebten, nahmen viele Anteil an dem Verfahren. Darunter war auch ein junger Anarchist namens Severino di Giovanni, ebenfalls italienischer Herkunft.

Im September 1923 kam Onassis in Argentinien an und lernte Anna im Dezember kennen. Ein halbes Jahr später ließ er sie fallen.

Im November 1926 gestand Celestino Madeiros, ein verhafteter Verbrecher, am Überfall auf die Schuhfabrik in South Braintree teilgenommen zu haben. Seiner Aussage nach waren weder Sacco noch Vanzetti bei der Tat dabei. Dennoch wurden Sacco und Vanzetti am 9. April 1927 zum Tod durch den Elektrischen Stuhl verurteilt.

Über drei Jahre nach ihrer Beziehung zu Onassis, lernte Anna einen amerikanischen Geschäftsmann kennen, der um ihre Hand anhielt. Am späten Abend des 22. Juli 1927 gingen die beiden im Palermo Park spazieren, als eine Bombe am George Washington Denkmal explodierte. Die Bombe war das Werk des italienisch stämmigen Anarchisten Severino di Giovanni, der damit gegen die Verurteilung von Sacco und Vanzetti protestierte.

Anna und ihr Verlobter erlagen ihren Verletzungen infolge der heftigen Explosion. Sacco und Vanzetti wurden am 22. August 1927 hingerichtet. Severino di Giovanni wurde am 30. Januar 1931 festgenommen, nachdem er weitere Bombenattentate durchgeführt hatte.

(16) Miguel saß mit dem Rücken zu dem mickrigen Bandoneonspieler…

Miguel saß mit dem Rücken zu dem mickrigen Bandoneonspieler, den der Wirt seit kurzem an zwei Abenden in der Woche spielen ließ. Es war eine Mode, die leider jetzt auch in seiner Stammkneipe Einzug genommen hatte. Es würde auch wieder vorbei gehen. Außerdem war es das letzte Mal, dass er hierher kam. Er trank einen Schluck Rotwein, die Augen starr auf die Tischplatte gerichtet. Marina sah er erst, als sie schon vor ihm saß. Ihre Augen waren gerötet und geschwollen – sie musste geweint haben. Miguel senkte seinen Blick wieder. „Sie werden Severino morgen früh exekutieren. Ihn und Paulino. Ich habe es von einer Freundin, deren Mann im Gefängnis arbeitet. Sie werden sie erschießen wie räudige Hunde.“ Miguel umklammerte sein Glas fester. „Uriburu hat die beiden selbst verurteilt, nur Stunden nach ihrer Verhaftung.“ Sie vergrub ihren Kopf in den Armen. Miguel hörte ihr leises Schluchzen. „Ich weiß“, brummte Miguel. Sie schaute auf. „Warum sitzt du dann noch hier? Warum unternimmst du nichts?“ Er antwortete nicht, sondern trank aus seinem Glas. Sie versuchte es noch einmal: „Die anderen treffen sich in einer Stunde, um zu beraten, was zu tun ist.“ – „Es ist nichts mehr zu tun“, sagte er leise. Sie setzte sich gerade hin. Ihre Augen waren weit aufgerissen und starrten ihn an. „Was bist du doch für ein Feigling, Miguel. Wenn sie dich verhaftet hätten, Severino wäre nicht untätig geblieben. Er hätte sein Leben für dich eingesetzt.“ Miguel antwortete nicht. Er dachte: ‚Genau das war Severinos Problem. Nur Aktion, keine Reflexion.‘ Marina stand ruckartig auf, schaute ein letztes Mal auf Miguel herunter und verließ das Lokal.

Miguel schien dem Bandoneonspieler zuzuhören, sein Gesicht verriet keine Regung. Er dachte an Paulinos Schwester, die 19-jährige Fina. Auch sie war verhaftet worden und ihr Schicksal war ungewiss. Vielleicht würde sie mit ihrem Geliebten Severino sterben. Wahrscheinlich würde Uriburu sie freilassen. Tote Revolutionäre waren gut für die Diktatur. Tote Frauen nicht. Wenn sie freikommen würde, wollte Miguel Fina erwarten. Alle waren weg oder tot, es gab nur noch ihn. Sie musste sich auf ihn verlassen. Morgen Abend würde ein Frachter den Hafen von Buenos Aires in Richtung Italien verlassen. Eine Überfahrt war bereits bezahlt. Er hatte mit dem Kapitän gesprochen, Miguel würde auch noch eine zweite Person mitnehmen können. Fina…

(17) Was hat er denn?

„Was hat er denn?“ Halling deutete auf den Mann am Tisch vor dem Bandoneonspieler, der in sein leeres Weinglas starrte. Er hatte sich zuerst mit seinem Bier zu Miguel gesetzt und versucht, ein Gespräch zu beginnen. Sein Gegenüber hatte ihn nicht einmal angeschaut. Dann hatte Halling den Tisch gewechselt. „Ich weiß es nicht, ich bin zum ersten Mal hier“, antwortete der Angesprochene. „Carlfriedrich Kleinhempel heiße ich. Aus Carlsfeld im Erzgebirge. Deutschland.“ – „Robert Halling, ursprünglich London, jetzt direkt aus Thailand.“ Er war erfreut, doch noch einen Gesprächspartner zu finden. Kleinhempel war Handelsvertreter von Arnold Bandoneons. „Eigentlich nehme ich nur die Order auf. Den Vertrieb macht fast allein Carlos Gardel für uns“, scherzte er. „Was hat Sie aus Thailand hierher verschlagen?“.

Halling, eigentlich Prof. Halling hätte jetzt Liebeskummer anführen können. Er hatte sich in Thailand in Doro verliebt und nach ihrem Tod brauchte sein gebrochenes Herz einen dringenden Ortswechsel. Prof. Halling war Ornithologe und Doro war ein Doppelhornvogel-Weibchen mit einer schneeweiß gefärbten Iris und langen Wimpern. Sie war zahm und liebte es, auf Prof. Hallings Unterarm zu sitzen und mit ihrem mächtigen Schnabel Beeren aus seinem Mund zu pflücken. Normalerweise werden Buceri bicornis bis zu 40 Jahre alt. Doro starb allerdings nach weniger als einem Jahr in seinem Besitz. Der Ornithologe fühlte sich dadurch zerstört. Wochenlang war er nicht ansprechbar gewesen und seine Kollegen bei dem großen Projekt in Thailand machten sich Sorgen um ihn. Da das Projekt sich nur mit Doppelhornvögeln beschäftigte, wurde Prof. Halling jeden Tag aufs Neue an Doro erinnert.

Hallings Institutsleiter beschaffte ihm die Teilnahme an einem Tukan-Projekt im Nordosten Argentiniens. Er redete zwei Wochen lang auf Halling ein, diese neue Mission anzunehmen. Am Ende sah auch Halling ein, dass seine wissenschaftliche Karriere bei einem Verbleib unter Buceris zu Ende sein würde. Er willigte ein und war gerade in Buenos Aires angekommen. Von dort aus sollte er den Weg nach Nordosten einschlagen, um sich in Posadas, der Hauptstadt der Provinz Misiones, mit dem Expeditionsleiter zu treffen. Prof. Halling erzählte Kleinhempel aber nur von seinem neuen Projekt. Er hätte es würdelos empfunden, mit einem Bandoneon-Vertreter in einer Kneipe über Doro zu reden. Peinlicherweise hätte er sich vielleicht auch noch dazu hinreißen lassen, dem Deutschen Fotos von Doro zu zeigen oder gar die Feder, die er immer bei sich trug. So verabschiedeten sich Kleinhempel und Halling nach zwei Bier voneinander und wünschten sich Glück in ihren jeweiligen Unternehmungen.

(18) Halling fand Tukane insgesamt grotesk.

Halling fand Tukane insgesamt grotesk. Ihr Schnabel kam ihm vor, wie eine mitten ins Gesicht montierte Clownsnase. Das hatte er Nestor Cadet-Bréaud, dem Expeditionsleiter, bei ihrem ersten Treffen in Posadas allerdings nicht gesagt. Cadet-Bréaud war Franzose und schien sein Leben der Erforschung der Bunttukane gewidmet zu haben. Der Franzose redete ohne Ende in einem grauenhaften Englisch. Halling spürte, wie er nervöse Zuckungen um den Mund herum entwickelte.

Am nächsten Tag fuhren sie gemeinsam nach Puerto Iguazú, wo die gemeinsame Expedition starten würde. Zuerst war eine vierwöchige Erkundung geplant, in östlicher Richtung am Iguazu-Fluß entlang. Danach eine längere, gründliche Analysephase. Begleitet wurden die Wissenschaftler von sieben einheimischen Helfern, die sich um alle nicht-wissenschaftlichen Dinge kümmerten. Cadet-Bréaud hatte Halling mit der Dokumentation der Expedition beauftragt, auch weil Halling eine Leica-Kamera besaß.

Die ersten drei Tage verliefen fast ohne Probleme. Halling war fasziniert von den riesigen Wasserfällen, an denen sie vorbeikamen. Er fotografierte sie aus verschiedenen Blickwinkeln, bis Cadet-Bréaud ihn genervt anwies, das Fotomaterial für die Bunttukane aufzusparen.

Am vierten Tag erlaubte sich Halling Vorschläge für das Marschprogramm des kommenden Tages zu machen, wurde aber vom Expeditionsleiter rüde abgekanzelt. Am fünften Tag entdeckten sie einen Trupp Bunttukane und schlugen daraufhin in der Nähe ein Lager auf. Gebannt lagen Cadet-Bréaud und Halling am nächsten Morgen im Gebüsch und beobachteten elf Tiere, die am Boden hüpfend Früchte fraßen. In den Baumwipfeln konnte sie weitere Tiere ausmachen.

Plötzlich entdeckte Halling einen seltenen Schwarzstirn-Schakutinga, dessen weißer Augenring und schwarze Gesichtsbefiederung ihn klar identifizierten. „Pipile jacutinga“, flüsterte er zu Cadet-Bréaud und deutete mit dem Finger in die Richtung des Hühnervogels. Der Franzose runzelte die Stirn, schaute kurz in die Richtung und widmete sich gleich wieder den Bunttukanen. Halling erhob sich leicht und pirschte sich geduckt näher an das Schakuhuhn an. Er zückte die Kamera und wollte gerade den Auslöser betätigen, als ein Stein vor dem Vogel aufprallte, der sich in Windeseile ins Gebüsch verdrückte. Halling konnte gerade noch das Grinsen des Franzosen erkennen. In seiner Wut ergriff er einen Ast und warf ihn in Richtung der Bunttukane, die sich schnabelklappernd erhoben und in die Baumkronen flogen. Cadet-Bréaud erhob sich erbost in seinem Versteck und stürmte auf Halling zu. Er entriss ihm die Kamera und warf sie auf die Erde. Vor Schreck warf sich Halling über die Kamera und schützte sie. Der Franzose stapfte fluchend in Richtung Lager zurück. Halling überprüfte die Kamera. Sie war intakt geblieben. Er zitterte am ganzen Leib.

(19) Gernold Hepner schaute in die Runde der 13 Studenten.

Gernold Hepner schaute in die Runde der 13 Studenten. „Die Expedition aus dem Jahr 1931 ist ein Musterbeispiel dafür, was Ihnen als angehende Feldforscher passieren kann. Gerade bei Expeditionen fernab der Zivilisation sind die Umstände oft sehr ungünstig. Man arbeitet unter Zeit- und Erfolgsdruck. Das ist fast wie im Krieg. Räumliche Enge, Hitze, mangelnde Hygiene. Eifersucht und Neid kochen hoch. Wenn wir Wissenschaftler es nicht schaffen, auch unter diesen widrigen Umständen unsere Aggressionen unter Kontrolle zu halten, werden wir keine großen Entdeckungen vollbringen. Oder wir werden nicht in der Lage sein, darüber zu berichten. Um Sie darauf vorzubereiten, gibt es dieses Seminar in Ihrem letzten Studienjahr.“

Eine Hand fuhr hoch. „Wie ging es bei der Expedition von Halling und Cadet-Bréaud weiter?“ Hepner setzte sich auf eines der Pulte in der ersten Reihe. „Halling stieß am nächsten Tag Cadet-Bréaud in den Iguazu-Fluss. Einer der Träger konnte dem Franzosen gerade noch ein Seil zuwerfen, bevor dieser von der Strömung weggetrieben wurde. Halling schlug sein Zelt abseits von den anderen auf und es war zuerst unklar, wie es mit der Expedition weitergehen würde. Zwei Träger kehrten um, um die Verwaltung zu informieren. Daraufhin machte sich eine zweite Expedition auf den Weg zum Lagerplatz der ersten Expedition. In der Zwischenzeit hatte Cadet-Bréaud das von Halling entdeckte Huhn gefunden, geköpft, gebraten und verspeist. Den Kopf nagelte er an einen Baum. Nachher stellte sich heraus, dass es sich wohl um eine Variation des Schwarzstirn-Schakutinga gehandelt hatte, die weder vorher noch nachher je wieder gesichtet wurde. Allerdings beruhten diese Einschätzungen nur auf Zeichnungen und Beschreibungen, denn der Kopf des Huhns ging verloren. Es gab auch ein Foto, aber darauf ist der größte Teil des Kopfes von Fliegen bedeckt. Wahrscheinlich wurde der Kopf später von einem der Suchhunde gefressen. Es wurde rekonstruiert, dass Halling Cadet-Bréaud überwältigte und an einen Baum fesselte. Mit dem Gewehr der Expedition erschoss er ihn. Es war eine regelrechte Exekution. Kurz darauf erreichte der zweite Trupp das Lager und nahm Halling fest. Damit war die Expedition zu Ende. Halling kam in ein argentinisches Gefängnis und starb dort in geistiger Umnachtung. Kurz: es war ein schwarzer Tag für die Wissenschaft.“

Während sein Blick über die Gesichter der Studenten streifte, fragte sich Hepner, ob einer der Seminarteilnehmer wusste, warum man ihn gezwungen hatte, diesen Kurs zu geben.