(10) Es war stickig unter der Maske…

Es war stickig unter der Maske, aber Mario war es seit jeher gewohnt. Natürlich fiel er auch damit auf, aber mit der Maske litt sein Marktwert nicht. Nervös blinzelte er durch die Schlitze nach rechts und links und drückte sich an die Hauswand. Leider war es noch hell, das machte die Sache nicht einfacher, aber er hatte einfach hinaus gemusst. In dem Wohnwagen, den er mit Rudolf und Wanja teilte, hatten sie sich wieder einmal gestritten. Weil es ihm keinen Spaß mehr machte, Wanja zu quälen, hatte sich Rudolf Mario vorgeknöpft und ihn abwechselnd gekitzelt und an den Haaren gezogen. Es schmerzte jetzt noch.

Er bog um die Ecke und schreckte zurück. Vor ihm stand eine Gruppe Kinder. Sie starrten ihn an. Mario hörte nur das Pochen seines Herzens in seinen behaarten Ohren. Die Kinder, alles Buben, starrten zurück. Einer von ihnen stemmte die Hände in die Taschen seiner Lederjacke und kam auf Mario zu. „Was haben wir denn da?“

Ermutigt kamen seine Kumpanen ebenfalls näher. Mario drückte sich an die Hausmauer. Der mit der Lederjacke streckte seine Hände aus, ergriff beide Zipfel von Marios Gesichtsmaske und zog sie ihm vom Kopf. Mario schloss die Augen und hörte nur das kurze, kollektive Einatmen. Er spürte eine Hand, die die Haare an seiner Wange berührten, erst vorsichtig, dann zupften, fester und… Mario schrie leise auf, dann kam noch eine Hand und noch eine, und sie rissen an seinen Haaren, im Gesicht, am Hals, sein Umhang fiel herunter, jetzt an den Armen, Händen und Beinen. Er sank heulend auf die Knie und rief nach Rudolf.

Plötzlich ein Tumult, Füße scharrten, die Bande lief davon. Es war wieder still. Mario öffnete zögernd die Augen und sah einen sehr großen Mann mit blankpolierten Schuhen, karierten Hosen, einer langen Jacke im gleichen Muster und einem Hut mit einer langen Feder. Er beugte sich zu Mario herunter und besah ihn sich durch ein Monokel. „Und wer bist du?“ – „Mario.“ Er schaute auf die Schuhe, in denen er sich gespiegelt erkannte. „Mario, der Affenjunge.“

„Nein, du bist kein Affe, du bist ein Mensch!“, stellte Dr. Zonas fest und betrachte Mario eingehend aus nächster Nähe, als ob er auch den kleinsten Zweifel an dieser Aussage beseitigen wollte. „Ein Mensch!“, bekräftigte er noch einmal. „Und jetzt gehen wir ein Eis essen. Du magst doch Eis? Alle Menschenkinder mögen Eis.“

(11) Zu Marios Erleichterung…

Zu Marios Erleichterung war in der Eisdiele wenig los. Nur die Eisverkäuferin schaute ihn an mit der Mischung aus Mitleid und Abscheu, die er sehr gut kannte. Im Zirkus war das anders, da war er an seinem Platz. Hier draußen nicht.

Dr. Zonas hatte ihnen beiden einen Eisbecher gekauft (Kirschen und Málaga). Sie saßen sich gegenüber an einem roten Plastiktisch und löffelten. Nachdem Dr. Zonas fertig war und den Mund abgewischt hatte, lehnte er sich zurück, ließ seinen Blick nach draußen schweifen und seufzte erleichtert.

„Das war gut. Genau das brauchte ich. Ist die Welt nicht schön? Mario, hast du schon mal ein Foto gesehen von unserem Erdball, aus dem Weltall gesehen?“ Mario nickte. „Und, ist er nicht zauberhaft?“ Mario nickte wieder. „Ich glaube, die Erde hat etwas Besseres verdient als uns Menschen. Wir zerstören alles. Wo wir hinkommen, verschmutzen wir die Natur, rauben Tieren ihren Lebensraum und verseuchen diesen Planeten.“

Mario wusste nicht, was er darauf antworten sollte und so nickte er wieder.

„Wäre die Erde nicht viel besser dran, wenn es uns Menschen nicht gäbe? Wir sind das Heruntergekommenste, was man sich vorstellen kann. Meinst du nicht auch?“

Mario schob seinen leeren Eisbecher von links nach rechts und tat so, als ob er überlegte.

„Kennst du Jim Jones?“ Mario schüttelte den Kopf. „Jim Jones hatte eine Lösung für die Welt. Er hatte zwar die richtige Idee, dachte aber zu klein und scheiterte an der Umsetzung. Er brauchte 23 Jahre nach der Gründung seines Volkstempels, bevor er zur Tat schritt, und dann blieb es bei lächerlichen 900 Toten. Trotzdem: auch große Ideen müssen nicht beim ersten Versuch gelingen. James Warren Jones sollte uns allen ein Vorbild sein. Da, wo er mit seiner Limonade gescheitert ist, müssen wir ansetzen. Ich habe…“

Er hielt inne, seine Augen waren wie festgefroren und starrten nach draußen. Mario schaute auf zu Dr. Zonas und folgte seinem Blick. Auf der Terrasse saß eine Taube auf einer Stuhllehne. Mario hatte Mitleid mit Tauben, seit er vor zwei Jahren bei einer Show mitgemacht hatte, in der auch Rumba der Wilde auftrat und bei jeder Vorstellung einer Taube den Kopf abbiss. Dr. Zonas saß da wie versteinert.

(12) „Nein, Kinder, ihr müsst…

„Nein, Kinder, ihr müsst zusammenbleiben. Jonas, nimm die Hand von Maria. In Zweierreihen. Wir gehen jetzt zu den großen Tieren.“ Ida Lenser war jetzt schon erschöpft, dabei hatte sie den Vergnügungspark gerade erst mit ihrer Schulklasse betreten. Sie hatte schlecht geschlafen, wie so oft in letzter Zeit. Ihre Ehe mit Conrad war nie einfach gewesen, aber jetzt ging es klar dem Ende zu. Alle hatten sie gewarnt vor dem Eigenbrötler, dem seine Comic-Sammlung mehr bedeutete als alles andere.

„Schaut mal. Was ist das hier? Das ist eine Taube.“ Die Kinder wiederholten „Taube“ mit ihr. Wenigstens waren sie lieb und freuten sich wirklich darüber, heute in den Park zu gehen. In ein paar Jahren würde das ganz anders sein. Ida mochte die Kleinen am liebsten.

„Und jetzt machen wir eine Pause. Setzt euch auf die Bänke und schaut nach, was eure Mütter euch eingepackt haben.“

Sie hatte überhaupt keinen Zugang mehr zu Conrad. Er war wie ein Kind, zwar pflegeleicht und nett, aber sie brauchte einen Ehemann.

Die Kinder aßen Brote und Obst aus Plastikdosen. Dazu tranken sie Cola. Vor den Bänken war eine riesige, hässliche Taube aufgestellt, bestimmt einen Kopf größer als Ida. Hinter dem Kopf trug sie einen Sattel. „Möchte jemand von euch mal auf der Taube sitzen und runter schauen?“, erkundigte sich Ida und blickte von einem Kind zum anderen.

„Jonas möchte“, Maria kicherte und zeigte auf Jonas, der sie die ganze Zeit geärgert hatte. Jonas starrte sie entsetzt an und machte abwehrende Handbewegungen.

Ida dachte: ‚Gute Idee, das wird ihm vielleicht etwas Respekt einflößen und er wird für den Rest des Tages den Ball flacher halten‘.

Sie nahm Jonas an der Hand und führte ihn zu der Taube. Er wehrte sich nicht wirklich, er schien etwas geschockt zu sein und schaute verstört nach oben zu dem Taubenkopf, der majestätisch über ihn hinweg sah. Ida griff ihn unter den Armen und hob ihn hoch in den Sattel. Sie legte ihm die Zügel in die Hände und trat zurück. Plötzlich fing Jonas an zu brüllen und zu weinen. Stocksteif saß er hinter dem Taubenkopf und sein Schädel verfärbte sich rot. Ida nahm ihn wieder herunter. Als Jonas Boden unter den Füßen hatte, holte er mit einem Bein aus und traf sie am Schienbein. Sie ohrfeigte ihn.

(13) Die Scheibenwischer versuchten…

Die Scheibenwischer versuchten gegen den schlagenden Regen anzukämpfen. Conrad Lenser lockerte die Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf. Bald würde er es geschafft haben. Er hielt sich etwas nach links, um das tiefe Schlagloch zu vermeiden, das nur aussah wie eine seichte Pfütze. Er bemerkte eine Silhouette in der Telefonzentrale, direkt neben der Einfahrt. ‚Ha‘, dachte er, ‚der sieht ja aus wie Clark Kent, der sich umzieht.‘ Als er näher kam, bemerkte er das rote Cape, dann das blaue Kostüm darunter. Er hatte den Wagen bereits halb in die Einfahrt manövriert und hielt direkt neben der Zelle an. Drinnen hing Superman, eine Seilschlinge um den Hals, das andere Ende war an der Zellendecke befestigt. Er spürte, wie das Blut seinen Kopf verließ. Das war sein Superman, seine lebensgroße Superman-Statue, für die er 1.999 Dollar bei Rubie’s Costume gezahlt hatte. Ida…! Sein Gesicht fühlte sich eiskalt an. Er stieg aus dem Wagen, ging herum und öffnete die Zelle. Superman stand auf dem Alukoffer mit Conrads kostbaren Erstausgaben, alles Sammlerstücke. Sie wollte ihn fertigmachen. Er schaute zum ersten Mal zum Haus hinüber. Ida beobachtete ihn mit überkreuzten Armen von der offenen Haustür aus.

Wie konnte das sein? Warum hatte sie nie etwas gesagt? Am Anfang hatte sie ein paar Bemerkungen gemacht, aber er hatte geglaubt, dass sich das mit der Zeit legen würde. Und irgendwann hatte sie aufgehört, wegen seiner Comics und seiner Sammelleidenschaft zu nörgeln. Sie hatte ihn in Ruhe gelassen.

Was jetzt? Er kam nicht gegen sie an. Sie wollte ihn nicht mehr ins Haus lassen. Es sei vorbei, teilte sie ihm mit. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Statue in den Wagen zu legen. Heimlich überprüfte er, ob der Regen Spuren hinterlassen hatte und war erleichtert, dass die Statue sich nicht etwa auflöste. Den Koffer legte er dazu und wollte so schnell wie möglich weg von Ida. Er merkte, dass er automatisch den Weg zu seinem Lieblings-Comichändler eingeschlagen hatte.

Ein Feuerwehrwagen überholte ihn mit Sirenengeheul und drehendem Blaulicht, dann noch einer. Conrad fuhr langsamer. Dann war die Straße gesperrt, ein Eckhaus brannte lichterloh. Die Feuerwehr hatte gerade mit den Löscharbeiten begonnen. Meterhoch schlugen die Flammen in den Abendhimmel. Er fuhr das Auto auf den Bürgersteig, um die Straße frei zu machen. Dann kurbelte er das Fenster hinunter und hörte das Prasseln und Krachen des brennenden Holzes. Der Rauch kitzelte ihn in der Nase, aber er war in seinen Gedanken ganz woanders.

(14) Conrad starrte über das Lenkrad…

Conrad starrte über das Lenkrad hinweg auf die rot-weißgestreifte Schranke mit dem Verbotsschild, das ihm den Weg blockierte. Die Feuerwehrleute waren alle an der Vorderseite des Eckhauses beschäftigt. Ständig liefen sie mit Schläuchen oder anderem Gerät hin und her.

Durch eine ruckartige Handbewegung entriegelte Conrad die Autotür, schob sie mit der Schulter auf und stieg aus. Er blickte zu dem brennenden Haus und bemerkte die Hausnummer, 503. Plötzlich belustigt wandte er sich zu Superman um, der ihn auf dem Rücken liegend von der umgeklappten Rückbank aus fragend ansah. „Ist das nicht unglaublich“, sprach er, „Clark Kents Appartementnummer. Hier bist du Zuhause.“

Conrad öffnete die Heckklappe und zog Superman an den Füßen aus dem Wagen. Er stellte ihn kurz auf den Boden und hievte ihn sich auf die Schulter. Das rote Cape hing ihm jetzt den Rücken hinunter, sodass er selbst aussah wie der Comic-Held.

Entschlossen schritt er auf das Haus zu. Das Glas der hinteren Terrassentür war von der Hitze aufgesplittert und Flammen leckten heraus. Mit jedem weiteren Schritt wurde es heißer. Aus der zerbrochenen Tür schlug ihm ein Höllenhauch entgegen. Drei Stufen zur Terrasse hoch, hier war die Hitze fast unerträglich. Er legte Superman auf den Rücken nieder und hob ihn dann an seinem Cape hoch. Zwei Mal schwenkte er die Puppe hin und her. Beim dritten Mal warf er sie durch die zerborstene Tür ins Innere des Hauses. Er blieb kurz stehen, bis er sicher war, dass der Nylonstoff des Capes zu brennen anfing. „Ich muss dich jetzt verlassen, Superman“, sagte er. „Nichts für ungut. Aber wir haben alle unsere kleinen Fehler.“

(15) Vor dem Haus stand Elsy Roberts…

Vor dem Haus stand Elsy Roberts, eine ergraute Mittvierzigerin, die mit den Tränen rang. Vor ihr Gene Cooper, ein Journalist des lokalen Wochenblattes, der sie zu den Ursachen des Feuers befragte. Ein Fotograf stakte zwischen den Schläuchen umher und suchte den besten Blickwinkel. Immer wieder verscheuchten ihn die Feuerwehrleute. Neben Frau Roberts war ein mittelgroßer, kompakter Mann im grauen Anzug mit rot gepunkteter Krawatte, einem Schnauzbärtchen und einer dunklen Sonnenbrille. Cooper fragte sich, ob er Frau Roberts Ehemann sein könnte, verwarf die Idee aber gleich wieder.

Im Hintergrund führte ein Feuerwehrmann einen Polizisten durch das Chaos. „Ein Irrer hat Superman in die Flammen geworfen“, berichtete der Feuerwehrmann. – „Superman?“ – „Eine Puppe. Lebensgroß. Aber wenn die in Flammen steht, siehst du keinen Unterschied…!“ – „Superman brennt doch gar nicht… Sorry, das war ein Scherz.“ – „Cornel lacht später, er hat Rauchvergiftung, sein Atemschutzgerät hat versagt…“

Der Journalist räusperte sich. „Frau Roberts, was ist passiert?“ Die Frau schluckte. „Es ist ein großes Unglück. Ich habe mein Zuhause verloren. Jetzt sitze ich auf der Straße.“ Cooper nickte mitfühlend. „Wie hat es denn angefangen, Frau Roberts?“ – „Auf einmal brannte es. Ich war in der Küche und machte mir etwas zu essen. Dann roch es verbrannt. Als ich dem Geruch nachging und die Kellertür öffnete, schlugen mir die Flammen entgegen. Und als ich in die Küche zurückkam, brannte es auch dort. Es ist furchtbar. Alles ist zerstört.“

„Finden Sie es nicht seltsam, dass der Brand an zwei Stellen gleichzeitig begann?“, hakte der Journalist nach. „Oh nein, ich glaube, das hat sich übertragen. Ich glaube, dafür gibt es auch einen Ausdruck,… wie war der doch gleich…“

„Funkenflug?“, fragte der Mann mit der Sonnenbrille hilfreich. „Ja, genau“, lächelte Frau Roberts mit tränenverschmiertem Blick, „Funkenflug, das muss es gewesen sein. Danke.“ – „Gerne zu Diensten.“

„Und Sie“, erkundigte sich Cooper, „wer sind Sie?“ – „Ich“, erklärte Sergio Speranza, „ich bin nur der Versicherungsvertreter.“

(16) „Nur der Versicherungsvertreter!“

„Nur der Versicherungsvertreter!“ Seine Stimme überschlug sich vor Wonne. Einer legte das Gesicht in die Armbeuge, ein zweiter rieb sich die Augen. Ein dritter hielt die Hand vor den Mund. Ein weiterer prustete den Bierschaum aus der Tulpe. Kurzum, die ganze Gruppe fühlte sich durch Sergios Bonmot vom Vortag aufs Köstlichste amüsiert. Sergio Speranza genoss die Wertschätzung. Oft genug spürte er den Druck der Kollegen und hatte das Gefühl, ihren Anforderungen nicht zu genügen. Gestern hatte er einen guten Tag gehabt, aber oft genug waren seine Leistungen ungenügend im Vergleich zu denen der Anderen.

Antonio spielte mit dem dicken Siegelring, den ihm sein Vater vermacht hatte. Für Sergio war Antonio der Größte überhaupt. Er war sehr diskret mit seinen Erfolgen, aber Sergio wusste aus Gesprächen mit anderen, die enger mit ihm arbeiteten, dass Antonio alles zu Gold machte, was er anfasste. Renato hingegen war sehr offen und konnte einem den ganzen Abend davon erzählen, was er heute, gestern, vorgestern und all die Tage zuvor an tollen, bahnbrechenden Dingern gedreht hatte. Manches stimmte, manches weniger. Als Kind hatte er als Hütchenspieler gearbeitet. Bei Renato musste man daher auf der Hut sein, es war alles mehr Schein als Sein. Dann gab es noch Lupo, vor dem sich Sergio besonders in Acht nahm. Lupo war etwas langsam von Begriff, wurde aber sehr schnell gewalttätig, wenn es ihm selbst zu lange dauerte. Aber wer Lupo an seiner Seite hatte, brauchte so schnell nichts zu befürchten.

Es war schon eine seltsame Truppe. Auch wenn er häufig die Zielscheibe von Witz und Spott war und obwohl er sich manchmal nutzlos wie ein Blinddarm vorkam, fühlte sich Sergio dort sehr wohl.

(17) Sergio dachte zurück…

Sergio dachte zurück an seine Anfänge. Damals hatte er für Aldo gearbeitet, den Vater von Antonio. Sergio war stolz gewesen, als Aldo ihn bat, einen Auftrag für ihn zu erledigen.

„Komm her mit deiner Taschenlampe. Ich zeige dir etwas.“ Sergio senkte den Lichtkreis, um den Weg vorbei an den gestapelten Kartons zu finden. „Licht! Ich stehe im Dunkeln! Nein, nicht ins Gesicht. Willst du mich blenden?“

Sergio unterdrückte einen Schmerzensschrei, als er mit dem Fuß gegen eine Holzpalette stieß. Aldo öffnete den Karton und sprach: „Hier, auf diese Lieferung hat die ganze Stadt gewartet. Bekannt aus Film und Fernsehen. Und du wirst sie verkaufen.“

Sergio beugte sich vor und leuchtete erwartungsvoll in den Karton. Er war randvoll mit einzeln verpackten Röntgenbrillen. Anstelle der Gläser hatten sie Kartonscheiben mit einer roten Spirale und den Worten ‚X-Ray Spex‘. In der Mitte befand sich jeweils ein Loch zum Durchschauen. Sergio war verblüfft. Das sollte sein erster Auftrag sein? Aldo schaute ihn mit leuchtenden Augen an. Sergio lächelte ihn an. Er würde Aldo nicht enttäuschen.

Den ganzen Abend überlegte er, wie er die Dinger am besten verkaufen konnte. Scherzartikelläden fielen ihm ein. Nicht schlecht wegen der großen Abnahmemengen. Aber man würde ihm Fragen stellen… Das gleiche auch bei Kostümverleihern, Optikern und anderen Geschäften. Nein, er musste an den Endverbraucher heran. Dann kam ihm die Idee.

Am nächsten Tag wartete Sergio gegen Mittag vor dem größten Jungengymnasium der Stadt. Er trug einen schwarzen Hut, eine dunkle Sonnenbrille und einen schwarzen Mantel. Die Röntgenbrillen hatte er am Innenfutter des Mantels befestigt. Es sah zwar etwas abgedroschen aus, aber er rechnete sich aus, dass gerade dies zum Verkaufserfolg führen würde. Kurz nachdem die Schulglocke geklingelt hatte, kamen die ersten Jungen herausgeströmt. Er stellte sich ihnen in den Weg und flüsterte, „Röntgenbrillen. Ich verkaufe Röntgenbrillen. Damit sieht man durch Kleidung hindurch.“ Schnell hatte er einen ganzen Trupp um sich geschart und die Verkäufe liefen gut. Er schärfte den Jungs ein, ja nicht stehen zu bleiben und vor allem die Brillen nicht sofort auszupacken, sondern erst Zuhause, an einem ruhigen Ort, um sich erst einmal an die Brille zu gewöhnen.

Am Nachmittag wiederholte Sergio die Aktion an einer anderen Jungenschule, dann war er ausverkauft. Aldo würde stolz auf ihn sein.

(18) ‚Ruhiger Ort‘, dachte Ulli…

‚Ruhiger Ort‘, dachte Ulli, ‚da weiß ich genau das Richtige.‘ Zuhause würde er keine Ruhe haben. Ein Bruder und eine Schwester – das war alles andere als ruhig. Mit den Fingern befühlte er die Schachtel in seiner Manteltasche. Eine Röntgenbrille! In den Comiczeitschriften seines älteren Bruders hatte er Anzeigen dafür gesehen. Ein Mann trug die Brille und grinste, während er eine Frauensilhouette betrachtete. Man konnte sich denken, warum der Mann grinste.

Auf dem Nachhauseweg malte Ulli sich aus, was er alles damit anschauen wollte. Oder besser: wen er alles damit anschauen wollte. Er dachte an die dralle Nachbarin, der er so gerne beim Fensterputzen zuschaute, weil ihre Brüste sich durch die kreisenden Armbewegungen so seltsam bewegten. Oder die Französischlehrerin… Bei dem Gedanken wurde ihm ganz heiß. Bestimmt war er jetzt ganz rot im Gesicht. So konnte er auf keinen Fall nach Hause gehen, seine Mutter würde sofort merken, dass etwas nicht stimmte und ihn ausfragen. Am besten, er begab sich sofort an seinen Lieblingsplatz auf dem Speicher des Hauses, in dem seine Familie und er im zweiten Stockwerk wohnten. Er öffnete die Haustür einen Spalt und horchte hinein. Es war ruhig und er schlüpfte hindurch. Auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem schlich er zum Aufzug. Er stieg ein, drückte den obersten Knopf und kauerte sich ganz nach hinten in die Ecke, damit keiner, der im Treppenhaus unterwegs war, ihn durch das Gitter sehen konnte. Der Aufzug fuhr gemächlich nach oben, ruckelte ein Mal und hielt dann inne. Ulli erhob sich, blickte kurz um sich und stieg aus. Die Tür zum Speicher war nicht verschlossen, er brauchte den Schlüssel gar nicht aus dem Versteck zu nehmen. Er stieg die steile Treppe hoch und schaute vorsichtig über den Rand des Treppenschachts. Er erkannte einen Lichtschein im hinteren Teil des Speichers. Das war ungewöhnlich, denn diese Räume wurden nicht genutzt. Er stellte seinen Schulranzen auf den Boden und schlich näher. Gedeckt von einem Balken lugte er um die Ecke und sein Herz blieb stehen. Eine Frau mit langen blonden Haaren kehrte ihm den Rücken zu. Sie war dabei, ihren Büstenhalter einzuhaken, der Reißverschluss ihres Kleids war im Rücken offen, Darunter trug sie Netzstrümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen. Ullis Gedanken schlugen Purzelbäume. Er nahm die Schachtel aus der Manteltasche, öffnete sie und zog die Brille heraus. Setzte sie auf. Durch die kleinen Löcher sah er wenig und er versuchte, den Kopf etwas weiter nach vorn zu strecken. Dabei stieß er eine leere Flasche um, die auf dem Boden stand. Er blieb wie angewurzelt stehen. Die Frau drehte sich ruckartig um. Durch die Brillenlöcher erkannte er, dass es ein Mann war. Es war Herr Schröder vom dritten Stock! Mit langen blonden Haaren und in Frauenkleidern! Herr Schröder riss sich die Perücke vom Kopf und kam auf ihn zu. Ulli lief weg, zerrte sich die Brille von der Nase, griff nach seinem Ranzen und raste die Treppe hinunter.

 

(19) Er lief weiter…

Er lief weiter, aus dem Haus heraus, dann nach rechts, Richtung Bahnhof. Hinter sich hörte er das Geklapper der Schuhe von Herrn Schröder. Ulli rannte in die Unterführung. Es wurde dunkel und der Bürgersteig fühlte sich an wie geschmolzener Teer im Sommer, in dem er steckenblieb, so sehr er sich auch anstrengte. Und ständig das Staccato der Absätze hinter ihm. Rechts öffnete sich eine Passage, die er noch nie gesehen hatte. Er lief hinein. An den Wänden wuchs grünes Moos, das in der Dunkelheit von selbst leuchtete. Die Passage führte ihn jetzt in einer Linkskurve weiter nach unten. Im Gang hörte er Herrn Schröder immer noch, obwohl das Moos die Geräusche hätte schlucken müssen. Vor ihm wurde es wieder heller und der Gang mündete jetzt in einen runden Innenhof. Über ihm ragten die Mauern sehr weit nach oben, viel höher als die seines Elternhauses. Und die Fenster waren ziemlich klein und schienen blind zu sein. Er drehte eine Runde im Hof, suchte einen Ausgang. Das Geklapper näherte sich. Es gab keinen anderen Ausgang – nur den, durch den er gekommen war. Und aus diesem schoss jetzt Herr Schröder mit irren Augen, langen roten Krallen an den Händen und mit Bocksfüßen. Sein Gesicht war blutrot und glänzte im Licht, das von oben in den Hof drang. Schröders Züge waren zu einer Fratze verzerrt und er hatte lange Zähne, wie der Säbelzahntiger im Naturwissenschaftlichen Museum. Er umschlich Ulli, der sich mit drehte, um ja Herrn Schröder nicht im Rücken zu haben. Dann erblickte er eine grüne Holztür, wo vorher keine gewesen war. Er drehte noch eine weitere Runde mit Herrn Schröder, der die Tür wohl nicht gesehen hatte. Dann wandte sich Ulli blitzschnell um, lief zu der Tür, hoffte, dass sie nicht verschlossen war und – sie war es nicht. Er kniff die Augen zu, schlüpfte durch und drückte die Tür fest wieder hinter sich zu.