(99) Warum liebst du mich nicht mehr?

„Warum liebst du mich nicht mehr?“, hatte sie ihn gefragt. „Aber ich liebe dich doch“, hatte er geantwortet. Es lag an ihr, dass er sie verlassen hatte. Daniela Mertins musste etwas tun, um ihren Ehemann Hugo zurückzugewinnen. Er hatte zwar eine Freundin, Karin, aber das war nur vorübergehend, sagte sich Daniela. Sie hatte die Freundin beobachtet, die einen Unterwäscheladen führte, ‚Karins Dessous‘. Wie abgeschmackt war das denn? Daniela war sogar in das Geschäft hineingegangen und hatte sich von ihrer Konkurrentin beraten lassen. Karin war etwas einfach im Kopf, fand Daniela. Das würde Hugo früher oder später nerven. Aber Karin war äußerlich ansprechend. Vielleicht zwei oder drei Jahre jünger, dafür volle Lippen, glatte Gesichtshaut und ein straffes Kinn.

Daniela hatte nichts gekauft. Als sie wieder zu Hause war, stellte sie sich vor den Spiegel und verglich sich mit ihrer Erinnerung von Karin.

Am nächsten Tag ging sie zu einem Schönheitschirurgen. Als sie im Wartezimmer saß, wunderte sie sich über sich selbst, denn das hätte sie nicht von sich erwartet. Der Arzt machte Vorschläge und gab ihr eine Idee, wie sie nach einem Eingriff aussehen könnte. Daniela zögerte und er riet ihr, die Entscheidung sorgsam zu überdenken. Am besten, empfahl er ihr, sollte sie auch mit ihrem Mann darüber sprechen. „Schnelle und unvorhergesehene Veränderungen können der Partnerschaft abträglich sein“, mahnte er.

Nach dem Arzttermin ging sie noch einmal im Dessous-Laden und kaufte von Karin einen figurformenden, aber doch verführerischen Body. Zu Hause zog sie ihn an und darüber das blaue Abendkleid, das Hugo so gut gefiel. Sie ging in die innere Beratung und am nächsten Morgen hatte sie beschlossen, den Empfehlungen des Arztes zu folgen.

Zwei Wochen später fand der Eingriff statt. Alles verlief nach Plan und Daniela fuhr für zwei Wochen in eine Kurklinik, weil sie nicht wollte, dass Bekannte sie mit den Spuren des Eingriffs sehen konnten. Der Arzt war zufrieden mit seinem Werk und, als sie wieder zu Hause war, zog sie wieder das Abendkleid mit dem neuen Body darunter an und setzte sich vor den Spiegel. Ihre Lippen waren schön prall, ohne dass es unnatürlich wirkte, fand sie. Sie hob den Kopf und streichelte mit der Hand an ihrem Hals entlang. Im Profil schaute sie auf ihr neues Kinn und drehte den Kopf hin und her. Sie sah sich selbst etwas fremd aus im Spiegel, aber insgesamt war sie rundum zufrieden, mit dem, was sie sah. Vielleicht war das alles eine glückliche Fügung des Schicksals, eine Episode, die ihr am Ende doch zu ihrem Glück verhelfen würde.

Der Köder war bereit. Jetzt musste sie noch Hugo wieder einfangen. Sie schickte ihm eine E-Mail, in der sie sagte, dass sie ihn treffen wolle. Sie wollte ihn nicht anrufen, damit er nicht in der ersten Reaktion Nein sagen konnte. Eine E-Mail war besser, weil er erst einmal nachdenken konnte, wie er antworten würde. Er musste eine Nacht darüber geschlafen haben, denn am nächsten Tag kam seine Antwort und er sagte, dass er sich freute, sie wieder zu sehen.

Sie verabredeten sich in einem Restaurant, in dem sie beide noch nicht waren. Das war wichtig für einen möglichen Neuanfang, dachte sie. Sie war vor ihm da und setzte sich mit dem Rücken zum Eingang. Sie wollte seine Reaktion genau beobachten, wenn er die Veränderungen sehen würde. Zuerst hörte sie seine Stimme, die nach dem reservierten Tisch fragte. Dann seine Schritte hinter ihr. Als er vor ihr stand und zu ihr hinunter sah, veränderte sich sein Lächeln in Erstaunen, aber kein positives.

„Gefalle ich dir?“, fragte sie schließlich. „Du bist geschmacklos“, antwortete er.

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