(97) Ihr Großvater hatte die Großmutter bei ihren Eltern gestohlen.

Ihr Großvater hatte die Großmutter bei ihren Eltern gestohlen. So ging die Familienlegende, aber ihr Großvater starb, als sie drei war und so konnte Nicole nicht mehr überprüfen, ob die Geschichte sich wirklich so zugetragen hatte. Alles was sie an ihren Großvater erinnerte, war das alte Schwarz-Weiß-Foto eines ernsten jungen Mannes, der mit seinem Schnurrbart entfernt an Errol Flynn erinnerte. Er sah wirklich gut aus. Ebenso wie die Großmutter. Nicole glaubte, dass sie die Schönheit der beiden Großeltern mütterlicherseits geerbt hatte. Das konnte sie keinem erzählen, weil es nach Prahlerei klang. Vor allem den Mädels konnte sie es nicht erzählen, denn das würde irgendwann wieder gegen sie verwendet werden. So wie diese Schlange Nicki, die eine Zufallsbegegnung am Parkplatz ausschlachtete, um sich bei Janine einzuschleimen.

Nicole mochte Carlo sehr gerne, aber sie war sich nicht sicher, ob sie die Beziehung weiterführen wollte. War er der Richtige? Sollte er der Vater ihrer Kinder werden?

An einer Stelle auf der Wange war das Foto ihres Großvaters so scharf, dass sie einzelne Bartstoppel erkennen konnte.

Das waren noch Zeiten, als zwar nicht alles möglich war, aber wo es doch Möglichkeiten gab, wie man trotzdem etwas erreichen konnte. Ihre Großmutter hatte nicht die Freiheit gehabt, von Zuhause wegzulaufen, um den Großvater zu heiraten – das hätten ihre Eltern nicht zugelassen. Aber die Großmutter hatte sich nicht damit abgefunden: Großvater entführte sie kurzerhand. Und das war damals ok. Es gab keinen Fernsehsender, der live von der Suche nach ihr berichtet hätte. Die Eltern der Großmutter waren nicht glücklich über die Entführung, aber sie gaben keine Pressekonferenz dazu und sie schalteten ihres Wissens auch nicht die Polizei ein. Die Liebe findet immer einen Weg, dachte Nicole wehmütig. Sie stellt den Fotorahmen mit dem Bild ihres Großvaters wieder zurück auf ihren Nachttisch. Vielleicht sollte sie sich ein Foto von Carlo daneben stellen. Sie stellte sich vor, wie ihr Großvater in der Nacht Carlo zu sich in den Fotorahmen bitten würde, um ihn dann zu testen und zu sehen, welche Absichten Carlo mit ihr hatte. Und am nächsten Tag würde der Großvater ihr davon berichten. Vielleicht würde er Carlo auch den Rat geben, Nicole zu entführen. Egal wohin, nur weg. Das wäre schön.

Nicole fragte sich, ob sie noch einmal zu den Mädelsabenden hingehen sollte. Die Quälerei war wie früher im Pausenhof, nur jetzt hatte sie die Wahl, einfach nicht mehr hinzugehen.

Diesen Gedanken wälzte Nicole hin und her, bis sie schließlich einschlief. In ihrem Traum verjagte ihr Großvater zuerst Janine und Nicki. Er hatte die Flinte in der Hand, die ihm gehörte und jetzt unten über dem Kamin hing. Sie flohen vor ihm. Das war gut. Dann richtete er aber die Flinte auch gegen Carlo, der reingekommen war, als die Mädels wegliefen. Aber Carlo, so freute sie sich, ließ sich nicht einschüchtern. Sie hoffte, dass es zu keinem Streit zwischen Carlo und ihrem Großvater kommen würde. Und tatsächlich, ihr Großvater hängte das Gewehr wieder an seinen Platz und ging in den Hinterhof hinaus, um eine Zigarre zu rauchen. Vielleicht auch, um ein Huhn zu schlachten, zur Feier des Tages.

Sie war jetzt mit Carlo allein. Als sie ihn ganz genau beobachtete, schien sein Gesicht vor ihren Augen zu zerfließen. Er veränderte sich und dann sah er aus wie ein Asiat. Wahrscheinlich ein Japaner, dachte sie noch.

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