(69) Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist?

„Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist? Wir müssen noch für heute Abend proben!“ Wieder einmal stand Josef Kara direkt hinter Fabiano, ohne dass dieser ihn gehört hatte. Vor Schreck zuckte er zusammen, wandte sich dann aber verständnisvoll um. „Nein, Josef, ich habe Johannes nicht gesehen. Warum setzt du dich nicht auf die Bank da drüben und wartest auf ihn?“ – „Danke, Fabiano, das werde ich tun“, antwortete Josef und trottete hinüber. Von hinten sah er in seiner schlotternden Jeans, dem Holzfällerhemd und der Baseballmütze wie ein Teenager aus. Von vorne aber verrieten die leeren Augen, der eingefallene Mund und der faltige Hals eine andere Geschichte.

Bis vor zehn Jahren waren die Brüder Josef und Johannes Kara ein sehr erfolgreiches Akrobatenduo gewesen. Sie waren spezialisiert auf die Ikarischen Spiele. Johannes war der Antipodist und lag unten mit dem Rücken auf der Trinka, der gepolsterten Liege. Mit den Füßen jonglierte er über sich den leichteren Josef, den Flieger, der in der Luft verschiedene Sprungkombinationen vollbrachte.

Die fliegenden Karas waren gute solide Artisten, die den Zuschauern den Atem stocken ließen. Bei den Kollegen waren sie sehr beliebt, weil sie immer hilfsbereit waren und weil es bei ihnen keine Intrigen oder Falschheit gab.

Eines Tages, während einer Probe, löste sich ein schwerer Scheinwerfer in der Kuppel und fiel herunter. Die Sicherung war aus unerklärlichen Gründen nicht richtig eingehängt gewesen. Josef wurde seitwärts am Kopf getroffen und einfach weggeschleudert. Johannes aber bekam das große Gehäuse frontal auf Stirn und Gesicht. Er war in der Trinka festgenagelt wie ein Käfer auf einer Schautafel. Er war sofort tot.

Josef lag längere Zeit im Koma und als er wieder aufwachte, hatte er seine Geschicklichkeit und sein Kurzzeitgedächtnis verloren. An den Unfall selbst konnte er sich nicht erinnern, aber an alles, was vorher passiert war. Sein Bruder war für ihn einfach mal weggegangen. Er suchte ständig nach Johannes und wenn man ihm erklärt hatte, was vorgefallen war, dann suchte er spätestens nach zehn Minuten wieder nach seinem Bruder. Josef blieb beim Zirkus, weil er immer noch gut anpacken konnte und weil es für ihn kein anderes Zuhause gab. Meistens waren die Kollegen sehr freundlich zu ihm. Manche erklärten ihm immer wieder, dass sein Bruder tot sei und wie es dazu kam. Andere sagten ihm nur, dass Johannes bald wieder da sei. Fabiano hatte die Erklärungen aufgegeben, weil er Josef nicht ständig den gleichen Schmerz zufügen wollte. Manchmal, wenn die Lage stressig war, wie zum Beispiel beim Auf- und Abbau, wurde Josef im Affekt schon einmal angeschrien, weil er wichtige Vorgänge mit der ständigen Fragerei nach seinem Bruder aufhielt. Aber auch das war nicht schlimm, denn spätestens nach zehn Minuten hatte er die Abfuhr wieder vergessen.

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