(68) „Sie hörten soeben die Übertragung der Heiligen Messe…“

„Sie hörten soeben die Übertragung der Heiligen Messe…“ Der Fernsehmoderator sagte noch seinen Abspann auf, als Pfarrer Gondorf schon in der Sakristei seine Stola abnahm. Trotz der Fernsehübertragung waren nicht übermäßig viele Gläubige in seine Kirche gekommen. Er würde sich vor dem Bischof verantworten müssen. Er konnte ihn schon jetzt hören. Dabei hatte er in allen Schulklassen für eine zahlreiche Teilnahme geworben.

Der Messdiener kam ihm in die Sakristei nach und richtete ihm aus, dass eine Familie ihn noch vor der Kirche zu sprechen wünschte. Gondorf seufzte. Das bedeutete nichts Gutes, dafür hatte er ein Gespür. Es war außerhalb der Norm und das verhieß Ärger, sinnloser Mehraufwand oder beides gleichzeitig. Er gab dem Messdiener die Kasel zum Weglegen und ging im Anzug, den er darunter trug, wieder zurück in die Kirche.

Ein paar Techniker rollten gerade die Kabel auf und nahmen die Scheinwerfer von den aufgestellten Gerüsten ab. Gondorf durchmaß die Kirche und trat hinaus ins Warme. Die Familie stand links vom Eingang und blickte ihm blinzelnd im Sonnenlicht entgegen. Down-Syndrom. Eines der Kinder hatte das Down-Syndrom. Das musste der Grund sein, dachte er sich. Besonderen Segen vielleicht. Die Familie kannte er vage, aber er hatte bisher noch nie direkt mit ihnen zu tun gehabt.

Es stellte sich heraus, dass die Eltern wollten, dass ihr behinderter Sohn Messdiener werde. Damit hatte Gondorf nicht gerechnet und er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Schweigen, dachte er sich, ist auf jeden Fall die falsche Antwort. Er blickte der Mutter gerade in die Augen und sprach: „Ich bin ja so froh, dass Sie alle gemeinsam mit diesem Anliegen zu mir kommen. Was ist unsere Kirchengemeinde, wenn nicht eine größere Familie?“ Das Gesicht der Mutter entspannte sich, der Vater schaute noch skeptisch. „Bisher hatte ich ja leider nicht die Ehre, Sie besser kennen zu lernen. Und dies ist eine gute Gelegenheit dafür. Kann ich Sie an einem der nächsten Tage zu Hause besuchen? Dann können wir alles im Detail besprechen. Wie wäre es mit Mittwochabend, sagen wir 19 Uhr? Wäre Ihnen das recht? Hervorragend. Danke für Ihren Besuch. Ich wünsche Ihnen allen zusammen noch einen gesegneten Sonntag.“ Er drückte die Hand von Vater und Mutter und fuhr den Kindern mit der Hand wohlwollend über den Kopf, bevor er wieder in die Kirche zurückging.

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