(65) Nach ihrem Auftritt warf sich Silke nur einen Bademantel über das Bühnenkostüm und ging zurück an die Bar.

Nach ihrem Auftritt warf sich Silke nur einen Bademantel über das Bühnenkostüm und ging zurück an die Bar. Das war der Vorteil bei einer Clothing Optional-Kreuzfahrt, man brauchte sich keinen Kopf zu machen, was man trug.

Thilo lächelte ihr schon von weitem gewinnend zu und hatte bereits einen weiteren Champagnercocktail bestellt, als sie sich neben ihn setzte. „Keinen Alkohol mehr“, sagte sie. „Ich hatte vorhin schon einen zu viel und wenn ich dann singe, bekomme ich Kopfschmerzen, so wie jetzt.“ Thilo gab sich besorgt und änderte die Bestellung in ein Glas Mineralwasser kit Aspirin.

„Als ich jünger war, hatte ich lange Zeit schreckliche Kopfschmerzen“, erzählte Thilo. „Immer wenn ich in einer großen Stadt war, suchte ich die besten Spezialisten auf, aber keiner konnte mir helfen. Es war einfach der Stress, die viele Verantwortung… Einmal war ich in Sidney und ich hatte solche Schmerzen, dass ich nicht mehr aus dem Hotelzimmer rauskam. Ich lag nur noch im Bett mit einem feuchten Umschlag auf der Stirn. Der Concierge, den ich von früheren Besuchen kannte, meinte, er habe genau das Richtige für mich. Er schickte mir dann einen Aborigine-Heiler aufs Zimmer. Ich hatte bis dahin nur von Traumpfaden gehört und dachte, dass ich für so etwas wirklich keine Zeit hatte. Der Australier kam aber mit seinem Didgeridoo, Du weißt, dieses Musikinstrument. Sieht aus wie ein kleines Alphorn. Er stand neben meinem Bett und blies in das Didgeridoo. Ich musste die Öffnung des Instruments halten oder er legte sie mir auf die Stirn. Das geht einem durch Mark und Bein. Ich habe nicht daran geglaubt, aber es hat wirklich funktioniert. Sehr schnell sogar. Ich konnte noch am gleichen Tag wieder normal arbeiten. Später habe ich mich weiter damit beschäftigt und herausgefunden, dass es wohl die niederfrequenten Töne sind, die einen positiven Einfluss auf die Hirnaktivität nehmen. Sensationell.“

Er habe sich dann später selbst ein Didgeridoo gekauft und das Spielen erlernt. Er sei zwar nicht so gut wie der australische Heiler, aber fast.

„Du hast das Instrument bestimmt nicht bei dir, hier?“, fragte Silke. Thilo tat so, als ob er seine unsichtbaren Taschen danach abklopfte und schüttelte den Kopf. Das brachte Silke zum Lachen.

Thilo beugte sich dann zu ihr herüber und sagte: „Ich weiß noch etwas, das bei Kopfschmerzen immer hilft.“ Silke schaute ihn fragend an und er hob kurz die linke Augenbraue. „Sex. Das funktioniert immer.“ Jetzt hob er die rechte Augenbraue.

Silke verzog den Mund. Da war es wieder, dieses widerliche Begattergehabe. Thilo war nicht besser als die anderen Gockel, die herumliefen. „Na, dann kümmer dich doch erst mal um deine Frau, du Armleuchter“, sagte sie Thilo und rutschte vom Barhocker.

„Bei Seekrankheit funktioniert das nicht. Fördert nur den Brechreiz“, erklärte Thilo unbeirrt.

Silke ließ ihn sitzen und ging in die Künstlergarderobe. Es gab keine leeren Kreuzworträtsel mehr. Noch zwei Tage Kreuzfahrt.

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