(49) Gottlieb Gläser überprüfte ein letztes Mal seine Fotoausrüstung…

Gottlieb Gläser überprüfte ein letztes Mal seine Fotoausrüstung und verließ das Hotel. Am Tag davor war er durch die ruhigen Straßen eines Vororts spaziert, um die Schönheit von Gottes Wirken in den Vorgärten und Häusern zu dokumentieren. Kurze Zeit später hatte ein Streifenwagen neben ihm angehalten. Nachdem die Polizisten ihn überprüft hatten, rieten sie ihm, sich die Schönheit von Gottes Wirken doch in dem großen Kunstmuseum anzusehen. Dorthin war er heute unterwegs.

Eigentlich hieß er Werner Gläser und war Buchhalter. Diese weltlichen Bücher hatte er aber vor Jahren für immer geschlossen und sich nur noch dem einen Buch, der Bibel, gewidmet. Er hatte Kontakt gesucht mit anderen religiösen Menschen, die ebenfalls ihr Leben der Bibel gewidmet hatten. Michael Anderson, ein Baptistenprediger in den USA, hatte Gläsers Brief beantwortet. Anderson schrieb, er habe Gläsers Wunsch verspürt, Gott nahe zu kommen und er wolle ihm dabei helfen. Gottlieb, genau zu diesem Zeitpunkt hatte Gläser seinen Vornamen geändert, solle mit seiner Fotokamera herumziehen und in Andersons Auftrag die Schönheit von Gottes Wirken auf Bildern festhalten. Er habe keine Einschränkungen – er solle dokumentieren, was er als Ausdruck von Gottes Größe verstehe. Anderson publizierte die Fotos von Gläser in seiner Missionszeitschrift und zahlte ihm jeden Monat ein kleines Gehalt. Überhaupt war Michaels religiöse Organisation sehr großzügig. Sie hatten ihm sogar einen Flug in die USA gezahlt und ihm dort ihre Überzeugung im Detail vermittelt. Seitdem verstand sich Gläser als Baptist.

Leider durfte er ihm Museum nicht fotografieren – deshalb war ein Besuch auch sinnlos für ihn. Er hätte Michael keine Ergebnisse abliefern können und Ergebnisse waren für Michael immer entscheidend. Wenn A dann B. Ganz konsequent. Gläser setzte sich auf eine Parkbank in der Grünanlage des Museums und packte seine Fotoausrüstung aus. Mit dem langen Teleobjektiv begann er, Passanten zu portraitieren. Sie alle stellten die Schöpfung dar, waren also alle Ausdruck der Schönheit von Gottes Wirken.

Nachdem er eine Stunde intensiv fotografiert hatte, schaute er sich die Ergebnisse auf dem kleinen Bildschirm an. Das erste Foto zeigte eine Frau, deren Mund unnatürlich breit war. Er löschte das Bild. Auf dem nächsten Foto war ein Mann mit einer dicken Warze im Mundwinkel. Auch ihn löschte Gläser. Die nächste Frau war grell geschminkt. Ein Mann hatte derart buschige Augenbrauen, dass sie seine Augen fast vollständig abdeckten. Der nächste ein wahres Spitzbubengesicht. Eine Frau trug eine Perücke… Er löschte sie alle. Als gerade die „Speicherkarte leer“-Anzeige aufschien, wurde ihm auf die Schulter getippt. Er schaute auf und blickte auf die Sonnenbrille eines der Streifenpolizisten vom Vortag. „Herr Gläser, wir haben uns gestern wohl falsch verstanden, was?“

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