(46) Stevie und Crystal saßen an einem Ende…

Stevie und Crystal saßen an einem Ende des U-Bahn-Wagens, die Kamera war getarnt in einem Koffer eingebaut, nur das Objektiv hätte man erkennen können. Michael hatte sich auf einen der Plätze in der Mitte des Wagens gesetzt. Er trug das Graskostüm, eine Art Tarnbekleidung für Soldaten, die aber in der U-Bahn ihren ursprünglichen Zweck nicht erfüllte. Die Idee war es, von einer Endstation zur anderen zu fahren und dabei die Reaktionen der Mitreisenden zu filmen. Michael sollte sich dabei nur minimal bewegen, gerade genug, dass man ihn für ein lebendiges Wesen halten würde. Er selbst nahm seine Umgebung durch das Kostüm nur sehr schemenhaft wahr.

An einer Station stieg ein Mann ein und setzte sich neben ihn. Michael hörte, wie der Mitfahrer eine Zeitung entfaltete. Nach kurzer Zeit drang das Aftershave des Mannes durch das Graskostüm zu Michael durch. Es setzte sich in seiner Nase fest und augenblicklich fühlte er sich viele Jahre in die Vergangenheit versetzt.

Es erinnerte ihn an seinen Vater. Michael verfolgte auch damals schon eine Mission: er versuchte herauszufinden, wer seine Mutter war. Aufgewachsen war er in einem Haushalt, der für Außenstehende schwer durchschaubar war. Michael hatte nämlich zwei Mütter, die beide mit seinem Vater unter einem Dach lebten. Beide kümmerten sich zu gleichen Teilen um Michael. Lange Zeit war es ihm nicht gelungen, zu klären, welche von ihnen seine Mutter war. Alle Erwachsenen zuckten die Schultern und meinten, das sei nicht wichtig, schließlich liebten sie einander alle. Erst als eine der beiden Frauen starb, kam in der allgemeinen Trauer heraus, dass die überlebende Frau seine Mutter war. Michael hatte aber bereits gemerkt, dass er die verstorbene Frau lieber mochte und unbewusst gehofft hatte, dass sie es sei. Das Verhältnis zu seinen leiblichen Eltern kühlte danach sehr schnell ab.

Als er jetzt den Duft seines Vaters wahrnahm, fühlte er sich mit einem Mal völlig isoliert in seiner Verkleidung in dem U-Bahn-Wagen. Panik stieg in ihm hoch. Er dachte daran die Performance zu unterbrechen. Aber natürlich machte er weiter. Es waren genau diese Gefühlsregungen, die er bei seinen Performances erleben wollte.

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