(45) „Edgar ist schwul?“

„Edgar ist schwul?“ Adele war perplex. „So einfach ist es nicht“, antwortete Rita. „Ich bin verwirrt“, gestand Adele, „warum seid Ihr zusammen geblieben? Wie konntest du ihm das verzeihen? Wie konnte er dir danach noch in die Augen blicken?“

Rita war aus der Honeymoon Suite ausgezogen und da sie auf die Schnelle nichts Besseres fand, nahm sie ein Zimmer im Hotel gegenüber. Edgar war zerknirscht. Er versuchte, mit ihr zu reden, aber sie ließ ihn nicht an sich heran. Sie erlaubte ihm nicht einmal, in ihr Hotel zu kommen.

Rita dachte nach und spielte alle möglichen Szenarien durch. Sie war natürlich gekränkt und fühlte sich in mehrfacher Hinsicht betrogen. Ihre Arbeit als Krankenschwester hatte sie aufgegeben und ihre skeptischen Eltern hatte sie vor der Hochzeit beschwichtigt. Es gab für sie kein Zurück.

Nach drei Tagen und sieben Stunden ließ sie Edgar rufen und nahm ihn ins Verhör. Anfangs war er zögerlich, gab ihr dann aber bereitwillig Auskunft über seine sexuellen Präferenzen (er war bi), seine Haltung ihr gegenüber (er liebte sie, wollte ihr aber nicht treu sein), seine wirtschaftliche Situation (vorher hatte sie es nur geahnt, jetzt erklärte er ihr, welche Besitztümer seine Familie hatte, welche Einkünfte er daraus bezog und dass er der Haupterbe des Familienvermögens sein würde). Dann schickte sie ihn wieder weg und fügte hinzu, er solle am nächsten Tag wiederkommen.

Am Tag darauf diktierte sie ihm ihre Bedingungen. Sie wollte lebenslänglich ein jährliches Budget, das der Hälfte seines derzeitigen Einkommens entsprach. Das Geld sollte zu ihrer freien Verfügung sein und sie wollte die Freiheit, ihr Leben zu gestalten, wie sie es wollte. Sie wollte keine Kinder. Sie und Edgar würden eine offene Beziehung führen, aber nach außen äußerste Diskretion wahren.

Edgar war zuerst erleichtert, dann erfreut über die Wendung. Er versprach, ihre Bedingungen zu erfüllen.

„Das war der Anfang einer wunderbaren Ehe“, lachte Rita, „ich bin dem Poolboy zu großem Dank verpflichtet. Er hat auch ein großes Trinkgeld von mir bekommen.“

Plötzlich warf sich ein knäueliges Etwas in ihren Weg. Rita und Adele sprangen auseinander. Aus dem grünbraunen Wollbündel schob sich ein schmutziger Arm mit einem Messingteller und eine Stimme krächzte „Hunger. Ich habe Hunger!“

Rita nahm alle Einkaufstaschen in die knäuelferne Hand und schritt erhobenen Hauptes weiter. Adele schaute hinunter, dann verschämt weg und folgte Rita. Ein paar Schritte weiter drehte sie sich um und blickte zurück. Das Wollknäuel hatte sich aufgerichtet und nahm das Oberteil ab. Darunter kam der Kopf eines gutaussehenden Mannes zum Vorschein, der überhaupt nicht verwahrlost oder schmutzig schien. Aus einem Hauseingang kamen zwei Figuren auf ihn zu, die eine trug eine Kamera.

‚Michael Spilt ist es innerhalb kürzester Zeit gelungen, mit spektakulären Performances und intensiv erfahrbaren Installationen zum viel beachteten Gesamtkunstwerk zu werden. Wie kein anderer versteht es der Künstler, Einflüsse aus dem Postminimalismus und der Body-Art der Siebzigerjahre in einen eigenen Kosmos zu überführen, in dem Selbstaufgabe und gezielte Überschreitung regieren.

Michael Spilt generiert in seinen Arbeiten Momente der Angst, des Verdrängens und der Abscheu. Sie stehen exemplarisch für die Strategie, polymorph soziopathische Zugänge in die künstlerische Produktion einfließen zu lassen. Die Signifikanz seiner Performances ist angebunden an private Narration und ein weites Spektrum subkultureller Assoziationsfelder. Dabei verwendet Spilt oft triviale Materialien, die durch seinen transformativen Umgang in eine nahezu klassische Ästhetik wieder eingeschrieben werden. Sie haben ihm auch den Spitznamen der „Moosmann“ eingebracht.

Seine Arbeiten kreisen um die Topoi Liebe, Hass und Tod. Moral unterliegt in seinen Arbeiten keiner Vereinnahmung durch wirtschaftliche, ideologische oder restriktive Zwänge, sondern ist vielmehr eine Verlockung, die Bedrängnis und Zerrissenheit im Dasein zu vergessen. Es ist weniger ein autobiografischer Reigen, denn ein Versuch, das Ephemere eines einzelnen Lebens zu vergegenwärtigen, wo der Tod als einzige Sicherheit und gleichzeitig größte Unbekannte ständig anwesend ist.

Michael Spilt illustriert die Gespaltenheit menschlichen Seins, einerseits die Begierde, die Welt obsessiv zu erleben, sich zu teilen, der Sehnsucht, einen Platz außerhalb seiner selbst zu geben, andererseits die unendliche Einsamkeit, die jeder Mensch kennt und immer wieder erlebt.‘

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