(4) „Mom, wann fahren wir?“

„Mom, wann fahren wir?“ Billy Jost war ganz aufgeregt, heute war sein Tag. „Gleich Billy. Setz dich schon mal ins Auto.“ Billy lief hinaus. Margaret kehrte zurück ins dunkle Wohnzimmer. Sie stellte sich hinter Frank, der im Sessel saß und einen handgeschriebenen Brief las. Sie legte ihre Arme von hinten um seinen Hals. „Wann hattest du ihn zum letzten Mal gesehen?“ – „Als er zurück nach Deutschland zog. Das war in Chicago. Ich war 23.“ Er legte den Brief auf den Tisch. Tränen liefen aus seinen Augen, sein Mund war verzogen. „Ich weiß nicht, warum ich weine.“ Margaret streichelte seinen Nacken. Er umklammerte ihren Schoß.

„Was hat Daddy? Warum weint Daddy?“ Billy war unbemerkt wieder hereingekommen.

Später waren sie doch noch losgefahren. Margaret hatte es versprochen, aber eigentlich auf Frank gesetzt. Aber Frank war nach dem Tod seines Vaters zu geschockt. Margaret musste also mit Billy zum Schießen gehen.

Der Schießclub ‚Miller Time 163′ lag außerhalb der Stadt. Schon von weitem hörte man das Ballern. Margaret kannte Bob Miller, den Betreiber, vom Sonntagsgottesdienst. Ein netter, wenn auch einfältiger Kerl. Genauso wie sein Hund Matt.

Billy bekam eine Kel-Tec P-11, laut Bob eine „absolut kindgerechte Pistole“. Margaret suchte sich, ohne groß darüber nachzudenken, eine SIG Sauer P239 aus. Die Sicherheitseinweisung von Bob war sehr kurz gewesen. Schallschutz, Sicherheitshebel, heißer Lauf, nur in Richtung Zielscheibe abdrücken und selbst nicht vor den Zielscheiben herumlaufen.

Billy hyperventilierte fast. Mit beiden Händen hielt er das Schießeisen und kniff angestrengt ein Auge zu. Bobs ruhige Hand stützte seinen Arm. „Stell dich fest auf beide Beine, Billy. Denk an John Wayne. So ist es gut. Arme locker lassen. Schau auf die Zielscheibe. Hast du sie fest im Blick?“ Billy nickte heftig. Seine Knie zitterten. „Jetzt den Finger auf den Abzug legen. Noch nicht drücken. Spürst du den Abzug? Wenn du das Ziel im Visier hast, halt‘ den Atem an und drück‘ ab.“

Das Knallen von den Nachbarständen verstummte, es wurde still. Billy hatte den Kreis der Zielscheibe vor Augen und sie schien auf ihn zuzukommen. Er hielt den Atem an. Die Ränder seines Blickfelds zentrierten sich auf die Zielscheibe wie in einer Zoombewegung. Er drückte ab. Der Rückstoß zog ihm den Arm hoch, aber er merkte es nicht mehr. Schlaff hing sein Körper in Bobs Händen. Margaret schrie auf und knallte ihre Pistole auf den Schießtresen. Dabei drückte sie auf den Abzug. Der Hammer schlug auf die Patrone, das Schwarzpulver entzündete sich und explodierte. Die Kugel schraubte sich durch den Lauf, verließ ihn und sauste durch den Raum. Sie traf Matt am Hals, zerfetzte die Schlagader, riss die Luftröhre auf und durchtrennte beim Verlassen das schwarze Lederhalsband. Matt röchelte, fiel um und sein Fell tränkte sich mit Blut.

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