(38) Guiseppe saß mit Laura am großen Tisch…

Guiseppe saß mit Laura am großen Tisch im Esszimmer und hatte einen großen braunen Briefumschlag vor sich liegen. Der Umschlag war recht zerknittert und verschlissen. Darin bewahrte er die einzigen Familienfotos auf, die er besaß. Ein sehr altes, von seinem Vater, als der noch ein junger Mann war. Dann eines von ihm mit seiner Frau, Guiseppes Mutter. Die beiden zusammen mit den fünf Kindern, darunter auch der kleine Guiseppe in kurzen Hosen. Dann eines der Mutter, ganz in schwarz gekleidet und mit großer Trauer um die Augen.

Guiseppe hatte Laura gefragt, ob sie mal Fotos von ihren Urgroßeltern sehen wollte. Es hatte ihm gutgetan, als sie begeistert reagiert hatte.

„Was ist mit deinem Vater passiert, Nonno?“, fragte Laura.

„Mein Vater ist plötzlich krank geworden.“ – „Was hatte er denn?“ – „Er war im Kopf krank geworden. Vorher war er sehr gut zu uns gewesen und plötzlich war er wie ausgewechselt. Er schlug uns, auch meine Mutter. Er hörte auf zu arbeiten. Und irgendwann war er weg.“ – „Einfach weg?“ – „Ja, ich habe ihn nie wieder gesehen. Meine Mutter sagte uns Kindern, dass er weg musste, weil er es nicht mehr bei uns aushielt. Sie hat danach nie wieder gelächelt, war nur noch wie ein Geist. Viele Jahre habe ich auf der Straße nach meinem Vater Ausschau gehalten. Ich dachte, er müsste doch irgendwann wiederkehren, wenn es ihm besser geht. Dass er seine Familie nicht im Stich lassen konnte. Aber er kehrte nie wieder zurück.“

Laura legte ihren Arm um Guiseppe. „Papi ist auch weg, aber wir konnten uns noch von ihm verabschieden. Ganz weg, ohne zu wissen wo jemand ist, das muss fürchterlich sein.“ – „Ich habe mir geschworen, nie so zu werden wie mein Vater. Mich gehen lassen, abstürzen, auf andere abscheulich wirken… Ich habe dich sehr lieb, Laura. Dich und Karla. Ihr seid alles, was ich habe.“ Er legte seinen Arm um Laura und beide verharrten in ihrer Umarmung.

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