(37) Guiseppe rührte in seiner Espressotasse.

Guiseppe rührte in seiner Espressotasse. Dabei beobachtete er ständig das Kommen und Gehen auf dem Bürgersteig vor dem großen Fenster des Cafés. Er trug seinen Glücksanzug, dunkel mit hellen Streifen. Er fand, dass er darin unwiderstehlich aussah. Seine Krawatte saß wie eine Eins und die Goldringe an seinen Fingern schienen das Lokal mit Sonnenstrahlen zu erleuchten. Am Revers trug er eine rote Nelke. Frauen mochten es, wenn ein Mann sich Mühe gab.

„Na, Nina, wie wär’s mit uns beiden? Hast du es dir jetzt endlich überlegt?“, frage er, als die junge Kellnerin mit ihrem vollen Tablett an ihm vorbeikam. Unentwegt schaute er weiter nach draußen. Den Löffel klopfte er dezent am Tassenrand ab und legte ihn daneben.

„Ich bin noch unschlüssig“, meinte Nina. „Mein Mann muss erst noch mit seinem Steuerberater sprechen.“ – „Liebe und Steuern“, dozierte Guiseppe, „sollte man niemals mischen. Schau mich an! Ich zahle keine Steuern, aber ich habe so viel Liebe zu geben.“ Plötzlich sprang er auf, rannte aus dem Café und hob eine Decke auf, die einer jungen Mutter aus dem Kinderwagen gefallen war. „Bella, du hast etwas verloren!“ Sie drehte sich um, er kam nah, sehr nah, und übergab ihr die Decke. „Willst du nicht einen Caffè mit mir trinken? Du riechst gut.“ Die Frau nahm die Decke und schob eilig ihren Kinderwagen weiter. Guiseppe kehrte an seinen Platz zurück. Giulio, der ihn die ganze Zeit vom Tresen aus beobachtet hatte, setzte sich zu ihm. „Guiseppe, du bist ja immer noch ein toller Hecht bei den Frauen. Wie machst du das nur?“ Guiseppe lächelte geschmeichelt, zuckte mit den Schultern und spreizte dabei seine Unterarme weg. „Wie alt bist du jetzt? Wir kennen uns schon so lange und ich weiß es gar nicht. Ich bin jetzt 73, und du? “ Guiseppe zeigte stolz mit dem Finger nach oben. „Unglaublich. Weißt du, wenn ich in all den Jahren eines gelernt habe, dann ist es die Bedeutung von Würde. Weißt du, ich will nicht, dass sich meine Enkel irgendwann für ihren Nonno schämen müssen. Verstehst du? Es gibt niemand mehr, der uns sagt, was wir zu tun haben. Und ich will dir das auch nicht sagen. Aber denk an deine Enkelkinder.“ Giulio legte seine Hand kurz auf die von Guiseppe, schaute ihm in die Augen und kehrte dann wieder hinter den Tresen zurück.

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