(356) Mir reicht es!

„Mir reicht es!“ Björn Kube ließ die Kiste mit den Setzkartoffeln auf den Tisch in der Scheune krachen. „Was ist denn los?“, fragte ihn seine Frau Doris. Björn war immer ein besonnener, eher wortkarger Mensch. Wenn er aus der Haut fuhr, gab es dafür einen wichtigen Grund.

„Ich war eben in der Kooperative und wollte die Setzkartoffeln kaufen. Jetzt stell dir mal vor: Es gibt keine Linda mehr.“ – „Was, sind die krank oder so was?“ – Nein, es gibt die schon noch, aber man will sie uns nicht mehr verkaufen.“ – „Wer kann denn so was bestimmen? Das ist doch eine Pflanze.“ – „Ja, aber die Sorte gehört irgendeiner Firma und die will nimmer. Die haben mir jetzt etwas anderes verkauft. Hier“, er deutete auf das Etikett auf der Kiste, ‚Belana‘ heißt die.“ – „Nee“, antwortete Doris, „ich will meine Linda wieder haben.“

Drei Wochen später hatte Björn Doris etwas Wichtiges mitzuteilen. Er hatte sich erkundigt und hatte einen Plan. Doris und er würden den Hof mit dem Ackerboden verkaufen und nach Südamerika ziehen. Dort gab es große Landflächen, die sich für den Anbau von Kartoffeln eigneten und die für einen erschwinglichen Preis gekauft werden konnten. „Stell dir vor“, sagte Björn. „Für den Wert des Hofes bekommen wir dort eine Fläche, die hundertmal so groß ist.“ – „Und wer soll das bewirtschaften?“ – „Dort gibt es viele Leute, die für dich arbeiten. Es ist eine Riesenchance aus diesem ganzen Regelungsdschungel rauszukommen. Ich kann uns auch ein paar Zentner Linda besorgen, die wir mitnehmen können, um sie dort selbst zu züchten. Da kümmert sich keiner um so was. Also, was ist?“

Doris erbat sich Zeit zum Nachdenken. Sie sagte schließlich zu und Björn inserierte den Hof und seine Ländereien. Es gab einige Interessenten und nach drei Monaten war der Hof verkauft. Während Björn den Kauf in Südamerika vorbereitete, half Doris dem neuen Besitzer, einem jüngeren Bauernsohn aus dem Nachbardorf. Als Björn Doris mitteilte, wann sie auswandern würden, sagte sie ihm, dass sie es sich anders überlegt habe und auf dem Hof bliebe. Sie habe eine Beziehung mit dem neuen Eigentümer.

Björn blieb nichts anderes übrig, als die Überreise nach Südamerika, ohne Doris anzutreten. Dafür hatte er mehrere Zentner Linda dabei, die er vor der Abreise mit Chlorpropham behandelt hatte, um eine zu frühe Keimung zu verhindern. Diese Behandlung wäre ihm in der alten Heimat auch untersagt gewesen. Er war froh, dass er neuen Abenteuern entgegen fuhr.

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