(349) Nikolaus und Angelika Egger durchquerten die Gaststätte…

Nikolaus und Angelika Egger durchquerten die Gaststätte, grüßten kurz den Wirt und gingen dann an dem Schild vorbei, auf dem stand: ‚Heute geschlossene Gesellschaft Tango San Ponciano‘.

„Hallo Ottmar.“ Egger grüßte Ottmar Hoppe, den Präsidenten des Tangoklubs, der gleichzeitig auch der Herr über den Plattenspieler war. Man hatte einmal versucht, einen Bandoneon-Spieler live zu engagieren, allerdings war es den meisten Klubmitgliedern nicht dem Standard-entsprechend gewesen und man hatte schnell wieder davon abgesehen.

Heute gab es ein potenzielles neues Mitgliedspaar, Nina und Konstantin Kempe, beide Architekten mit eigenem Büro. Insgesamt waren sieben Paare bei dem Training erschienen.

Hoppe stellte die beiden Neuankömmlinge vor. Er betonte, dass die beiden auch schon mal in Argentinien Tango getanzt hatten. ‚Na toll‘, dachte Egger. „Aber jetzt wollen wir nicht lange rumschwatzen. Wir sind ja hier wegen des Tango“, endete Hoppe und legte die erste Platte auf.

Die Paare sortierten sich schnell und es ging los. Bereits nach dem ersten Schritt wusste Egger, dass er mit seinem Vorurteil recht hatte. „Die tanzen Tango Argentino“, flüsterte er Angelika ins Ohr. Sie schaute verächtlich auf Nina und Konstantin, die ganz konzentriert und mit viel Leidenschaft ihren Tango tanzten. Auch die anderen Klubmitglieder tuschelten und wechselten Blicke, bei denen sie mit den Augen rollten. Nach exakt zwei Minuten war das Stück zu Ende.

Nina und Konstantin fingen an zu klatschen, hielten aber inne, als keiner mitmachte. Alle starrten sie an wie die Fremdkörper, die sie waren. Hoppe sprach als Erster. „Wir hatten uns vielleicht missverstanden. Wir tanzen hier Standard. Nach den aktuellen Ballroom Techniques der Imperial Society of Teachers of Dancing. Eigentlich dachte ich, dass Sie das gleiche meinten, als Sie sagten, dass Sie Tango tanzen.“

Die Klubmitglieder hatten sich jetzt um die Neuankömmlinge geschart. Konstantin legte seinen Arm um Nina. „Ich dachte, dass Sie Tango tanzen. Der Klub heißt ja auch Tango San Ponciano und nicht Tango Standard. Das ist irreführend. Aber, ehrlich, uns würde es gar nicht stören. Beides ist doch völlig akzeptabel.“ Hoppe wollte die allgemeine Einstellung seiner Klubkollegen herauslesen, bevor er antwortete. „Nein, das ist für uns alle hier nicht akzeptabel. Wir tanzen hier Standardtango und das soll so bleiben. Leider bedeutet das, dass Sie beide vielleicht doch nicht zu uns passen.“

Konstantins Miene verfinsterte sich. „Das glaube ich mittlerweile auch“, antwortete er. „Komm Nina, wir gehen woanders hin. Wir wollen ja nur tanzen.“ Sie nahmen ihre Mäntel aus der Garderobe und gingen. „Also Freunde“, sagte Hoppe. „Wir machen weiter. Und wenn ich bitten dürfte: ‚Strictly Ballroom‘.“

Schreibe einen Kommentar