(343) Reeves hatte gerade Bellows nach Atlanta geschickt, als die Sache mit dem Elektrischen Stuhl reinkam.

Reeves hatte gerade Bellows nach Atlanta geschickt, als die Sache mit dem Elektrischen Stuhl reinkam. Es war nicht das erste Mal, dass ihm ein solches Stück angeboten wurde. Die meisten waren allerdings mehr oder weniger plumpe Fälschungen gewesen. Die richtig bekannten Elektrischen Stühle hatten eigene Spitznamen wie Old Sparky aus Sing Sing, Old Smokey aus New Jersey, Gruesome Gertie aus Louisiana oder Yellow Mama aus Alabama. Diese Stühle wurden, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden, in Museen ausgestellt. Eine Ausnahme war Yellow Mama, die nur eingemottet wurde, weil in Alabama ein Todeskandidat theoretisch, neben der tödlichen Injektion, auch den Tod durch Strom wählen konnte. Die Stücke, die unter der Hand angeboten wurden, kamen, so wurde behauptet, aus kleineren Gefängnissen, bei denen der Stuhl ausgetauscht worden war und ein Gefängniswärter sich den alten Stuhl gesichert hatte.

Natürlich war ein Elektrischer Stuhl für einen Americana-Sammler wie Reeves etwas Besonders und natürlich wollte er sich die Gelegenheit nicht durch die Lappen gehen lassen, ohne den Stuhl vorher zu prüfen. Der Anbieter, ein Mann namens Wyatt Cockburn, sagte, dass er bereits mehrere Angebote habe. Da Bellows nicht verfügbar war, beschloss Reeves, eine Ausnahme zu machen und sich das Teil selbst anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Stuhl eine Fälschung war, erschien ihm hoch.

Reeves besorgte sich einen Mietwagen und fuhr die 300 Meilen nach Punxsutawney in Pennsylvania. Cockburn, ein großer schweigsamer Mann in einem schwarzen glänzenden Jogginganzug traf er vor einer Lagerhalle aus Wellblech. Innen stand eine große Holzkiste, von der Cockburn ein Seitenteil abnahm und das Stück herauszog.

Der Stuhl war aus dicken gehobelten Eichenbrettern zusammengebaut. An den Armlehnen, der Basis und um die Lehne herum gab es Lederriemen. Für den Kopf war oben an der Lehne eine Stütze angebracht. In der Sitzfläche befand sich eine herausnehmbare Holzplatte. Oben an der Lehne kamen zwei Metallbügel heraus, um die Schultern des Gefangenen zu fixieren. Auf den ersten Blick sah der Stuhl echt aus. Er hatte genau die richtige Patina und Abnutzung, wie man es erwarten würde und es gab keine Anzeichen, dass es eine Filmrequisite war. Die Elektroden fehlten, das war aber bei vielen Stühlen der Fall, denn oft waren diese Teile an den Wänden fixiert und nicht am Stuhl. Reeves zückte eine Lupe und sah Cockburn fragend an. Der Verkäufer nickte zustimmend. Mit großer Sorgfalt analysierte Reeves den Stuhl. Er suchte nach Indizien, dass der Stuhl wirklich das war, was Cockburn behauptete. An der in der Sitzfläche eingelassenen Platte sah er Verfärbungen, die auf eine nachlässig entfernte Flüssigkeit schließen ließen. Reeves war auf den Knien und beugte sich ganz tief nach unten, um die Metallschellen zu untersuchen, mit denen die Füße des Gefangenen gehalten wurden. Die Ränder der Bügel sahen recht scharf aus und mussten einem Gefangenen ins Fleisch geschnitten haben, wenn er unter Strom wild um sich zuckte. Dann sah Reeves ein aufgerolltes bräunlich-fleckiges Blatt, das hinter der Schnalle festgeklemmt war. Er berührte es mit dem Zeigefinger und unter seinem Blick durch die Lupe zerbröselte es bei der Berührung in mehrere Teile. Erst dann erkannte Reeves, dass es sich um ein abgerissenes Stück Haut handelte.

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