(343) Mit größter Sorgfalt drehte Gottlieb Hinz den Deckel wieder auf die Thermoskanne…

Mit größter Sorgfalt drehte Gottlieb Hinz den Deckel wieder auf die Thermoskanne, nachdem er daraus Tee getrunken hatte. Er setzte das Nachtsichtgerät an und suchte von seinem Hochsitz den Waldrand auf der anderen Seite ab. Plötzlich sah er zwei helle Punkte aus dem Unterholz leuchten. Der Hirsch war wieder da!

Vor zwei Wochen hatte er ihn an dieser Stelle gesehen, aber keinen Schuss auf ihn abgeben können. Seither war Hinz, wann immer es ging, zu dem Hochsitz zurückgekehrt und hatte auf diesen Moment gewartet. Jetzt hatte er vielleicht eine Chance. Die hellen Punkte näherten sich dem Waldrand.

‚Komm raus‘, dachte er. In den Umrissen der dürren Äste glaubte er das Geweih ausmachen zu können. Langsam setzte er das Fernglas ab und nahm das Jagdgewehr in die Hand, legte den Lauf auf die Bretterwand des Hochsitzes und entsicherte die Waffe. Durch das Zielfernrohr hatte er die Umrisse des Hirschen nach einigem Suchen wieder gefunden. Das Tier schien schließlich heraus zu kommen. Hinz hielt den Atem an und krümmte den Finger auf dem Abzug. Erst als er den Druckpunkt bereits überschritten hatte, erkannte er, dass es eine Hirschkuh war, die aus dem Dickicht herausgetreten war. Irgendetwas musste sie aber gewarnt haben, denn sie zog sich blitzschnell zurück und die Kugel verfehlte sie. In dem Dunkel des Unterholzes hatte der Jäger aber den Eindruck, dass er etwas anderes getroffen hatte.

Hinz kletterte vom Hochsitz herunter und eilte zu der Stelle. Er fand ein Hirschkalb, das er angeschossen hatte. Sein Hinterlauf war getroffen und es konnte nicht mehr laufen. Zitternd lag es da. Hinz wollte ihm schon den Gnadenschuss geben. Dann dachte er, dass seine Tochter Heidi das Jungtier bestimmt gern pflegen würde. Er nahm seine Jacke, wickelte sie um das Tier und trug es in seinen Wagen, wo er es auf den Beifahrersitz bettete.

Auf der Fahrt nach Hause befreite sich das Hirschkalb unerwartet aus der Jacke, in die es eingeschnürt war. Es sprang Hinz an, der als Reaktion darauf das Steuer herumriss und frontal gegen einen Brückenpfeiler prallte. Der Jäger und das Hirschkalb starben noch am Unfallort.

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