(342) Neal Reeves war ein sehr geduldiger Sammler.

Neal Reeves war ein sehr geduldiger Sammler. Obwohl er selbst schon 71 Jahre alt war, tröstete er sich jedes Mal, wenn ihm ein besonders tolles Stück entgangen war, dass es am Ende doch bei ihm landen würde. Wenn sich eine Gelegenheit bot, überlegte er mit kühlem Kopf, wie viel das Stück ihm wert war. Diese Grenze überschritt er nie und besuchte nie selbst eine Auktion oder führte Verhandlungen. „Bei Auktionen würde ich vor Aufregung sterben und bei Verhandlungen würde die Gier irgendwann siegen, und ich würde zu viel bezahlen.“ Deshalb wählte er sich Mittelsmänner aus, die in seinem Auftrag handelten.

Es gab eine Reihe von besonderen Stücken, die Reeves noch gerne besitzen wollte. Viele davon, wie zum Beispiel der Zylinderhut, den Abraham Lincoln bei seiner Ermordung dabei hatte, waren einfach unerreichbar. Bei anderen Stücken brauchte er Geduld. Highlights seiner Sammlung waren ein Gebiss von George Washington, das aus Walrosszahn gefertigt war; ein Zwicker von Teddy Roosevelt und eine Zigarettenspitze von FDR.

Ein erreichbarer Traum von Neil Reeves war es, eine Robe von Hyram Wesley Evans zu erwerben. Evans war von 1922 bis 1939 als Imperial Wizard der Anführer des Ku Klux Klan. Unter seiner Leitung erreichte der Klan seine größte Bedeutung mit 6 Millionen Mitgliedern in 1924. Gleichzeitig begann der Niedergang, denn am Ende von Evans‘ Amtszeit waren es nur noch weniger als 30.000.

Evans war ein ausgebildeter Zahnarzt, dem Geld aber mehr bedeutete als Zahnmedizin und Rassismus. Er war durch und durch korrupt und nutzte den Klan als Vehikel, um sich selbst reich zu bereichern. Seine letzte Amtshandlung als Imperial Wizard bestand darin, den Hauptsitz der Organisation, den Peachtree Street Palace in Atlanta, an die katholische Kirche zu verkaufen. Diese ließ das Haus abreißen und baute auf dem Grundstück die Kathedrale von Christus König. Danach musste Evans abtreten. Er hatte gute politische Kontakte, die es ihm erlaubten, ohne Ausschreibung Asphalt an den Staat Georgia zu verkaufen. 1966 starb er schließlich.

Reeves war weder Rassist noch Anhänger des Klans. Er sammelte ganz Unikate, die mit der Geschichte der Vereinigten Staaten zusammenhingen.

Bereits mehrere Male hatte Reeves Evans‘ Nachkommen wegen der Robe angeschrieben, aber er bekam keine Antwort. Er war überzeugt, dass es in irgendeinem Lagerraum der Familie noch Artefakte aus der Glanzzeit des Klans geben musste und dass dabei ganz sicher auch eine Robe samt Haube sein musste. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, jemand wie Bellows nach Atlanta zu entsenden. Bellows könnte sich ein bisschen vor Ort umhören, mit Dienstboten reden, Mint Juleps auf der Veranda trinken – diese Art von Dingen.

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