(341) Als Kennedy ermordet wurde, war Lorne Bellows 13 Jahre alt und in der Schule.

Als Kennedy ermordet wurde, war Lorne Bellows 13 Jahre alt und in der Schule. Der Schulleiter kam und holte alle Kinder in die Kantine, wo ein Fernseher stand. Später gab es schulfrei. Einige Lehrerinnen weinten.

Bellows dachte an diesen Tag zurück, als er am 25. Dezember 1991 die 7. Avenue hochging. Im Omni Park Central Hotel fand eine Versteigerung von Americana statt. Bellows war Antiquitätenhändler und besaß auch eine eigene kleine Sammlung. Bei den wichtigen Stücken konnte er aber nicht mit den reichen Sammlern mithalten. Meistens nahm er im Auftrag von anderen an Auktionen teil und bot für sie. Aber das war ok, denn er interessierte sich mehr dafür, die Artefakte zu sehen und in der Hand zu halten, als sie wirklich zu besitzen.

Bei der Auktion im Hotel gab es mehrere interessante Stücke: ein Pass von Bugsy Siegel, dem Mafiaboss; ein paar Zeichnungen von Enrico Caruso; einige Notenblätter aus der Hand von Fats Waller und ein Brief von Martin Luther King. Bellows Augenmerk galt allerdings Losnummer 97: dem Colt Cobra, mit dem Jack Ruby den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald ermordet hatte. Rubys Bruder ließ die Waffe versteigern, weil er das Geld brauchte, um Steuerschulden zu begleichen. Bellows‘ Auftraggeber war sehr an der Waffe interessiert und hatte ihm freie Hand gegeben bis zu einem Limit von 200.000 Dollar. Neu kostete die Waffe 550, gebraucht und in gutem Zustand 300 Dollar. Aber das hier war nicht irgendeine Waffe. Außerdem war vor ein paar Tagen der JFK-Film von Oliver Stone aufgeführt worden. Das hatte das Interesse noch einmal angeheizt. Es war gut möglich, dass bei der Auktion einige Leute mitbieten würden, die sonst nicht mal auf die Idee kämen.

Bellows hatte das Hotel erreicht und ging hinein. In dem Salon, wo die Auktion stattfand, erkannte er viele der Anwesenden. Einige waren Händler, andere Sammler und es gab auch welche, wie er selbst, die beides waren. Er hielt etwas Smalltalk mit einigen, aber keiner wollte über die Stücke in der Auktion reden.

Kurz bevor die Versteigerung begann, rief Bellows seinen Kunden, Neal Reeves an, um ihm zu sagen, dass er im Auktionssaal saß. Reeves bestätigte ihm das Limit und wünschte ihm Glück. Während die Auktion so langsam vor sich hin plätscherte, hielt Bellows die Augen geschlossen und döste vor sich hin. Erst als die 97 drankam, öffnete er die Lider einen Spalt und war hoch konzentriert. Zuerst ließ er anderen Bietern den Vortritt. Er registrierte, wo sie saßen, ob er sie kannte, und für wen sie wohl arbeiteten. Ein Bieter war besonders aktiv. Auch er hatte einen Sammler im Hintergrund, schätzte Bellows. Als die Gebote bei 150.000 Dollar lagen, schaltete sich Bellows ein. Andere Bieter stiegen aus, jetzt waren nur noch er und der andere im Spiel. Der Preis kletterte weiter. Dann bot der Fremde 220.000 Dollar und Bellows war draußen. Er brauchte nicht bei seinem Kunden nachzufragen, denn Reeves war bei seinen Limits immer äußerst diszipliniert. Erst als das Bieten vorbei war, rief er Reeves an und bedauerte, dass es nicht geklappt hatte. „Nächstes Mal haben wir mehr Glück“, sagte Reeves knapp und legte auf.

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