(33) Aber Babbo, es waren Gäste!

„Aber Babbo, es waren Gäste!“ Giorgio hatte von dem Kellner Alfredo gehört, wie sein Vater den Mann und die Frau behandelt hatte, die er auf der Herrentoilette beim Sex erwischt hatte. Er fand die Reaktion übertrieben. Als sein Vater am nächsten Tag vor der Öffnung des Restaurants in die Küche kam, hatte Giorgio ihn darauf angesprochen. Zuerst hatte Enzo sich stur gestellt und hatte gar nicht darüber reden wollen. Als Giorgio nicht locker ließ, musste Enzo etwas sagen, um das Gespräch zu beenden. „Wir sind ein Familienrestaurant, kein Lupanar! Wenn ich als Gast irgendwo hingehe, dann benehme ich mich entsprechend. Basta!“
Aber Giorgio ließ immer noch nicht locker. Er sagte, dass die Zeiten sich geändert hätten. Er sehe es auch so wie sein Vater, dass Sex in der Herrentoilette eigentlich nicht akzeptabel war. Allerdings hätte aus seiner Sicht eine Verwarnung gereicht. Dann fügte er den unglückseligen Satz hinzu: „Wenn du dich nicht mit der heutigen Zeit anfreunden kannst, dann mach doch eine Pizzeria im Vatikan auf.“ Dabei rammte er das Messer, mit dem er bis dahin Zwiebel gewürfelt hatte, in das Holzbrett vor ihm. Das brachte Enzo zum Überkochen. Er riss das Messer aus dem Brett, packte Giorgio am Kragen und drückte ihn gegen die Tür zum Kühlraum. Das Messer hielt er seinem Sohn in Augenhöhe vors Gesicht.
„Wenn du glaubst, du hättest genug erlebt, um mir zu sagen, wie ich mein Restaurant zu führen habe, dann irrst du dich. Wenn es dir hier nicht gefällt, dann mach doch dein eigenes Restaurant auf!“
Enzo und sein Sohn schauten sich lange Momente direkt in die Augen. Enzo bemerkte währenddessen, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Giorgio wusste, dass er im nächsten Augenblick einen Fehler machen würde, aber es gab nichts, was ihn davon abhalten könnte. Als Enzo Giorgio losließ und das Messer auf das Schneidebrett legte, zog Giorgio die Schürze aus und hängte sie an den schweren Öffnungshebel der Kühlraumtür. Wortlos verließ er das Restaurant.
Enzo musste Camilia gestehen, was vorgefallen war. Sie schimpfte mit ihm. Er wusste, dass sie versuchen würde, Giorgio wieder zur Vernunft zu bringen. Allerdings sagte sie, dass Enzo wie ein Idiot gehandelt habe. Das kränkte ihn, aber er sagte nichts, denn für das Restaurant war es wichtig, dass Giorgio wieder in die Küche zurückkehrte.
Camilia traf sich mit Giorgio und versuchte ihn zu besänftigen. Dabei erfuhr sie auch, dass Enzo mit dem Messer herumgefuchtelt hatte. Das hatte er ihr nicht erzählt. Sie schüttelte den Kopf. Sie sagte Giorgio, dass er für einige Zeit etwas anderes machen solle. „Es wird alles wieder in Ordnung kommen. Aber genieß es. Und bleib für einige Zeit aus der Küche heraus. Wenn es deine Bestimmung ist, wirst du noch viel Zeit darin verbringen. Und ich hoffe, dass du wieder zurückkommst. Dein Vater bewundert dich sehr, aber er ist ein Hitzkopf.“

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