(321) Für sein Buch war Brust viele Nächte unterwegs…

Für sein Buch war Brust viele Nächte unterwegs, vor allem am Wochenende. An diesen Tagen war das Nachtleben viel dichter. Außerdem war es besser mit seinem Brotjob zu vereinbaren, denn er war Gerichtsdiener beim Oberlandesgericht.

Es war Samstagfrüh, 7:19 Uhr und eigentlich war die Nacht vorbei. Er hatte vorher bei einem Bäcker Aufnahmen in der Backstube gemacht. Die Bilder schienen Brust gelungen zu sein. Obwohl ihn die ruhige geschäftige Atmosphäre schläfrig gemacht hatte, wollte er aber noch bei dem Wochenmarkt vorbeischauen. Vor zwei Wochen hatte er den Aufbau fotografiert, musste aber aus Müdigkeit aufgeben, bevor der Markt öffnete. Heute schien der Aufbau im Wesentlichen beendet und schon waren die ersten Kunden mit Einkaufswagen unterwegs. Auf einem Betonpoller, der den Marktplatz von der Straße trennte, saß ein Mann in einem abgewetzten Wintermantel. Er trug eine Wollmütze über dem etwas ausgemergelten Gesicht. Auf dem angewinkelten Knie lag ein Zeichenblock, auf dem er mit Bleistift die Marktszene skizzierte. An den Händen trug er Handschuhe, bei denen die Hälfte der Fingerlinge abgeschnitten war. Atemdampf stieg in der Morgenkälte hoch und sah im ersten Licht der aufgehenden Sonne sehr schön aus. Brust schoss aus der Ferne ein paar Fotos von dem Zeichner, kreiste um ihn herum. Er wollte ihn nicht sofort stören, kam erst allmählich näher heran und bat ihn schließlich um Erlaubnis, ihn fotografieren zu dürfen.

Der Zeichner war einverstanden, unterschrieb am Ende auch den Model release. Brust schaute auf das Formular: der Zeichner hieß Pierre Malz. Während Malz weiter zeichnete, erfuhr Brust im Gespräch, dass der Zeichner seit drei Jahren an jedem Samstag an diesem Ort die gleiche Szene festhielt, immer von 7 Uhr bis 7:30 Uhr. Brust fragte ihn nach dem Grund. Malz dachte kurz nach und antwortete: „Kein Grund, es hat sich so ergeben. Es ist eine gute Szene, vieles ändert sich kaum von Woche zu Woche, aber es gibt auch ständig Überraschungen, plötzliche Veränderungen. Der Käsewagen zum Beispiel kam vor sechs Wochen nicht mehr, dafür an der gleichen Stelle ein Stand, an dem Kaffee ausgeschenkt wird.“ – „Was machen Sie mit den Zeichnungen?“ Malz sah ihn milde lächelnd an und meinte: „Ich zeichne sie, ist das nicht genug?“

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