(320) Leonz war traurig.

Leonz war traurig. ‚Kotzbrocken‘ war mit großem Abstand seine Lieblingsband und bei vielen Liedern kannte er die Texte auswendig. Natürlich würde er nie auf die Idee kommen, mitzusingen, denn es war schließlich nicht Karneval. Der Krach sollte auf der Bühne sein, war seine Ansicht. Diese Spaßheinis hatten ihm den Konzertbesuch völlig verdorben. Jetzt stand er an der Bushaltestelle und wartete auf die 179.

Als Max Brust im Radio von der Promotionaktion für Kotzbrocken hörte, hatte er sich vorgenommen, mit der Kamera vorbeizuschauen. Er war begeisterter Hobbyfotograf und verkaufte mittlerweile viele seiner Bilder über das Internet an Fotoagenturen. Er arbeitete an einem Fotobuch, das er veröffentlichen wollte und das sich mit ‚Nachtmenschen‘ befasste.

Von dem Konzert hatte er sich kontrastreiche Bilder erhofft, einerseits die Punks, andererseits die Gewinner der Radioauslosung. Es war recht dunkel gewesen, aber von dem, was er auf dem Schirm seiner Digitalspiegelreflex hatte sehen können, waren die Bilder interessant geworden.

Nach dem Konzert war er einem traurigen Punk mit schlaffem Iro gefolgt und hatte ein paar Fotos von hinten geschossen. Jetzt stand der Punk in der Lederjacke mit dem The Sex Pistols-Aufnäher an der Bushaltestelle. Brust fragte ihn offen, ob er etwas dagegen habe, fotografiert zu werden. Der Punk schaute ihn mit leeren Augen an. Brust hielt ihm einen Fünfer hin. Der Punk nickte und sah dabei noch trauriger aus. Brust machte mehrere Fotos von Leonz, die meisten von der Seite, sein Blick teilnahmslos in die Ferne gerichtet. Schon während der Aufnahmen war Brust sicher, hier ein paar seiner besseren Aufnahmen zu machen.

Als er fertig war, gab er dem Punk einen weiteren Fünfer und bat ihn, die Freigabeerklärung zu unterschreiben. Der Punk sah ihn verächtlich an, zeigte ihm den Mittelfinger und stieg in den 179er, der eben angekommen war. Als der Bus weg war, setzte sich Brust auf die Bank und füllte den Bogen selbst aus. Als Name schrieb er ‚Sex Pistol‘.

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