(32) Enzo Magari war stolz, auf das, was er in seinem Leben erreicht hatte.

Enzo Magari war stolz, auf das, was er in seinem Leben erreicht hatte. Seine Ausgangslage war sehr dürftig gewesen. Noch fast als Kind hatte er Italien verlassen und alle Arbeiten übernommen, die sich ihm boten. Anfangs auf dem Bau, dann als Eisverkäufer und schließlich als Kellner in Restaurants. Es waren harte und einsame Zeiten gewesen. Da er keine Kontakte mehr zu seiner Familie hatte, brauchte er kein Geld nach Hause zu schicken, sondern konnte alles sparen.
Er fand Camilia, die ihn unterstützte. Sie gebar ihm einen Sohn und als Krönung seines Lebens eröffnete er ein eigenes Restaurant. Die Trattoria San Paolo in der Paulsstraße war kein schickes Lokal, aber man aß gut und die Atmosphäre war sehr gemütlich dort. Wenn er seine Kunden bedienen konnte, seine Frau an der Kasse saß und sein Sohn Giorgio am Pizzaofen stand, dann war für Enzo die Welt in Ordnung. Manchmal, wenn er Lust darauf hatte und die stressigste Zeit des Abends vorbei war, holte er sein Akkordeon aus dem kleinen Büro hinten und spielte den Kunden Lieder aus seiner Heimat.
An diesem Freitag war es kurz nach 22 Uhr, als einige Tische schon wieder leer waren und er etwas Luft hatte. Er nickte seiner Frau zu und sie nickte zurück. Etwas Akkordeonmusik konnte nicht schaden, denn es machte die Trattoria authentischer. Enzo brachte noch den Kaffee an Tisch 11. Dann ging er nach hinten. Als er an der Herrentoilette vorbeigegangen war, hielt er plötzlich inne. Es war ihm, als ob er eine Frau hatte stöhnen hören. Er ging einen Schritt zurück und öffnete die Tür einen Spalt. Er lauschte hinein. Wieder ein Stöhnen. Er ging hinein und schloss leise die Tür hinter sich. Aus einer der Kabinen drang Rascheln und wieder ein leichtes Stöhnen. Enzo wurde rot im Gesicht. Aus der Hosentasche zog er einen Vierkantschlüssel und machte entschlossen die Kabinentür auf.
Auf dem Klo saß der junge Mann von Tisch 13. Seine Hose hing unten an den Schuhen. Auf ihm saß rittlings die nicht mehr so junge Frau von Tisch 17. Ihr Rock war hochgeschoben und Enzo sah auf ihren weißen Hintern. Mann und Frau starrten mit geweiteten Augen Enzo an, der für einen Augenblick nur fassungslos in der Tür stand.
„Ihr seid meine Gäste“, hörte Enzo sich sagen. „Als Gäste benimmt man sich. Habt Ihr denn keinen Anstand? Kein Schamgefühl?“ Er musste tief ein- und ausatmen. „Du“, sagte er zu der Frau, „du gehst jetzt direkt zu meiner Frau, du zahlst und du verlässt auf der Stelle mein Lokal.“ Die Frau nickte verdattert. „Und du“, sagte Enzo zu dem jungen Mann, „ich will keine Schande auf deine Freundin bringen. Du gehst zurück ins Restaurant, Ihr esst das Dessert, das schon am Tisch ist, und Ihr könnt auch noch einen Espresso haben. Aber dann will ich Euch beide nie wieder in meinem Restaurant sehen. Nie wieder! Klar?“
Beide nickten. Enzo machte eine Handbewegung, dass sie sich beeilen sollten, machte aber keine Anstalten, aus der Tür zu treten. Die Frau brachte ihren Rock in Ordnung, zog ihre Unterhose von der Türklinke und ging dann geknickt aus dem Männerklo. Der junge Mann folgte ihr. Als er gerade zur Tür hinausging, trat Enzo ihm noch mit dem Fuß in den Hintern.
Heute würde er keine Lieder aus seiner Heimat auf dem Akkordeon spielen.

Schreibe einen Kommentar