(316) Eigentlich mochte Mahler seinen Arzt, Dr. Axel Nergitz, sehr gerne.

Eigentlich mochte Mahler seinen Arzt, Dr. Axel Nergitz, sehr gerne. Er war immer verständnisvoll und schien genau zu wissen, wie Mahler sich fühlte. Schwester Helene hatte ihn beim Doktor verpetzt und jetzt musste er den Arzt sehen, obwohl eigentlich keine Therapiesitzung fällig war. Mahler klopfte wie immer, von innen kam ein angenehmes ‚Herein‘ und er ging in Dr. Nergitz‘ Behandlungszimmer. Der Arzt las ein Papier an seinem weißen Schreibtisch und Mahler setzte sich in den Stuhl gegenüber. Das Zimmer hatte weiße Wände und sogar einen weißen Teppich. Nur ein großes Bild mit einem wilden Farbmuster hing an der Seite. Wenn er hier warten musste, schaute Mahler sich immer das Bild an. Er versuchte, etwas darin zu erkennen, aber es sah immer nur wirr aus.

Dr. Nergitz, ein Mann ohne Alter mit einem grau melierten Vollbart, legte das Papier weg und schaute Mahler an. „Wie geht es Ihnen?“, fragte der Doktor. Mahler erzählte mit ausschweifenden Worten, wie es ihm ging, erwähnte allerdings mit keinem Wort, dass Schwester Helene ihn wieder beim Masturbieren erwischt hatte. Das würde noch früh genug kommen. „Herr Mahler“, unterbrach ihn Dr. Nergitz, „Sie sind ja nicht freiwillig hier. Es ist eine Bewährungsauflage. Und ich muss dem Richter mitteilen, wie Ihr Zustand ist. Das wissen Sie, oder?“ Mahler nickte. Sein Hals war plötzlich trocken, aber Dr. Nergitz würde es nicht gut finden, wenn er jetzt nach einem Glas Wasser fragen würde.

„Möchten Sie ein Glas Wasser?“ Der Arzt schien seine Gedanken lesen zu können. Mahler nickte wieder und Nergitz drehte ein vor ihm stehendes Glas um und befüllte es aus einer Karaffe mit Wasser. Mahler trank fast die Hälfte aus dem Glas. Der Arzt fuhr fort. „Es ist so, als ob Sie den Ernst der Lage noch nicht verstanden hätten, Herr Mahler. Der Rückfall, ich rede davon, dass Sie vor dem Fenster masturbiert haben und vom Inhalt der Plastiktüte… Was kann ich machen? Wollen Sie ins Gefängnis gehen?“ Mahler schüttelte vehement den Kopf. „Aber Sie müssen auch etwas verändern wollen. Sie lassen mir keine Wahl.“ Der letzte Satz erschreckte Mahler. Es klang, als ob der Arzt die Therapie für beendet erklärte und empfahl, ihn gleich ins Gefängnis zu stecken. „Wollen Sie mir etwas sagen?“, fragte Dr. Nergitz, jetzt etwas freundlicher. Mahler sagte, dass es ihm leidtat, auch weil alle sich um ihn bemühten. „In den letzten zwei Wochen habe ich mich an etwas erinnert. Von vor langer Zeit. Das bedrückt mich sehr. Vielleicht ist das auch der Grund…“ – „Wollen Sie jetzt darüber reden?“ Mahler nickte. Dr. Nergitz schaute ihn ganz genau an, als ob er sich versichern wollte, dass Mahler es auch ernst meinte. Dann ging er zur Tür und bat seine Assistentin, seinen nächsten Termin zu verschieben. Er setzte sich mit dem Schreibblock auf dem Knie auf Mahlers Seite des Schreibtisches. „Dann erzählen Sie, Herr Mahler. Wir haben alle Zeit der Welt.“

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