(316) Die Wohnungstür knallte ins Schloss.

Die Wohnungstür knallte ins Schloss. Kora drehte sich zur Seite und rief „Jakob?“ Jakob machte kehrt und schaute ins Zimmer. „Guten Tag“, grüßte er. „So ist es besser“, antwortete Kora und wandte sich wieder ihrer Kundin Cornelia Albrecht zu.

„Jungs“, sagte Frau Albrecht entschuldigend, „meiner ist auch so.“ Kora antwortete: „Ein schwieriges Alter.“ Sie setzte wieder die Nagelschere an und schnitt den Nagel des rechten großen Zehs von Frau Albrecht ab. Den abgeschnittenen Nagel platzierte sie auf das Handtuch, das über ihren Knien gespannt war und auf dem Frau Albrechts Fuß ruhte. Nach und nach legte sie die anderen neun Zehennägel in diagonalem Muster auf das Handtuch.

„Ich habe manchmal Angst, dass Jakob wird wie meine Brüder. Sie sind beide sehr intelligent, haben es aber nur dahin gebracht, eine Imbissbude zu führen.“ – „Sagen Sie das nicht, meine Liebe“, entgegnete Frau Albrecht. „Es ist so schwierig; eine gute Imbissbude zu finden, man kann darin durchaus seine Erfüllung finden.“ – „Nun, ich hoffe, dass Jakob noch etwas Besseres findet als eine Wurstbude.“

Kora legte Frau Albrechts linken Fuß auf die Seite und setzte den Hornhauthobel an. „Sie haben einen schönen Kettenanhänger“, bemerkte Frau Albrecht. „Das ist ein Kanarienvogel, nicht wahr?“ – „Das stimmt“, antwortete Kora. „Es ist das letzte Geschenk von Jakobs Vater. Ich verbinde viele Erinnerungen damit.“ – „Es passt hervorragend zu Ihrer Augenfarbe, dieses Graugrün“, fuhr Frau Albrecht fort. „Danke“, antwortete Kora und sie fühlte, wie sie errötete. „Es passt auch sehr gut zu ihren platinblonden Haaren. Ich würde so etwas ja nicht tragen können. Aber an Ihnen sieht es so spacig aus. Ich meine das natürlich nur positiv.“

Kora seufzte. „Es hatte sich so ergeben. Jetzt möchte ich keine dunklen Haaransätze, deshalb bleibt es erst einmal dabei. Ich könnte mir heute aber auch etwas anderes vorstellen.“ – „Ich verstehe Sie so gut“, antwortete Frau Albrecht. „Frau Möbius, könnten Sie auch nach dem rechten kleinen Zeh schauen, ich glaube, ich entwickle dort ein Hühnerauge in meinen Louboutins.“

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