(315) Mahler wurde mit heruntergelassener Hose erwischt.

Mahler wurde mit heruntergelassener Hose erwischt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Schwester Helene stand zur falschen Zeit in der Tür und schaute ihn streng an. Seine Erektion war ihm augenblicklich vergangen und er hob sich halb aus dem Sessel, um die Hose wieder hochzuziehen. „Herr Mahler…“, sagte Schwester Helene mit gespielt müder Stimme. „Was hat der Doktor Ihnen gesagt?“ Mahler wusste nicht, ob er so tun sollte, als ob er nicht wüsste, was sie meinte, oder gleich in Büßerstellung gehen. Er entschied sich, wider besseres Wissen für Ersteres. „Was meinen Sie, Schwester Helene?“, fragte er und seine Stimme überschlug sich etwas. Er musste sich mehrmals räuspern, bevor er die Frage wiederholen konnte. Währenddessen hatte Schwester Helene die Tür geschlossen und hatte sich auf ihn zubewegt. Mahler saß auf einem Stuhl vor dem Fenster, im Erker, weil er sich dort etwas Diskretion erhofft hatte. Aber Schwester Helene ließ sich nicht beirren. Sie hob die Broschüre hoch, die Mahler auf den Boden hatte gleiten lassen. „Was haben wir denn da?“, fragte sie. Es war eine Werbebeilage für Korsagen aus der Tageszeitung. Normalerweise wurden alle Presseerzeugnisse, die Mahler in die Hände bekommen könnte, durchschaut und alles, was ihm beim Masturbieren helfen könnte, wurde entfernt. Diese Werbebeilage, fand Schwester Helene, hatte man sträflicherweise vergessen, denn es war offensichtlich, dass sie Mahler in die Hände spielen würde. Auch das im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich glaube, Schwester, das ist eine Reklame“, meinte Mahler. „Wollen Sie sich etwas zum Anziehen kaufen?“, fügte er etwa keck hinzu. Schwester Helene zerriss die Broschüre und stopfte sie in die Tasche ihres Kittels. Mahler senkte die Mundwinkel. Er zuckte zusammen, als er dem Blick der Schwester folgte. Er ruhte auf einem hellblauen Müllsack, der neben dem Kleiderschrank lag. Mahler wollte aufspringen und sich schützend über den Sack werfen, aber das scharfe „Was ist denn das?“ der Schwester nagelte ihn in seinem Stuhl fest. „Ich weiß nicht“, sagte er mit ganz transparenter Stimme. In zwei Schritten stand Schwester Helene über dem Sack. Beherzt griff sie hinein und zog weitere Werbebeilagen heraus, die Mahler über die letzten Wochen mit großem Einsatz angesammelt hatte. Den Müllbeutel hatte er sich aus dem Lager organisiert und er benutzte ihn, um seine Schätze hinter dem Kleiderschrank zu verstecken. Ein alter Trick, den Schwester Helene gut kannte, aber die letzten Zimmervisitationen hatte eine neue Kollegin gemacht, mit der Helene auch ein paar Worte reden musste. Alle Süchtigen versteckten Dinge. Flaschen bei Alkoholikern, Zigaretten bei Rauchern und Pornozeug bei Sexsüchtigen. Nun ja, es war kein explizites Pornozeug, aber der Arzt war sehr klar gewesen. Sie griff wieder in den Beutel und, Mahler musste sich abwenden, brachte seinen größten Schatz zutage: einen Versandkatalog für Automobilzubehör. Mahler schluchzte, als Schwester Helene den Sack mit Inhalt zusammenknüllte und mit ihm das Zimmer verließ.

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