(315) Die braunen Blätter taumelten im Wind vom Baum herab.

Die braunen Blätter taumelten im Wind vom Baum herab. Manche drehten sich um sich selbst, andere segelten in der leichten Brise gerade herunter. Jakob saß auf der Bank unter dem Baum und schaute ihnen zu. Er war traurig, weil seine Freunde beim Fußball die Mannschaften aufgeteilt hatten und keiner ihn haben wollte. Er hatte ein ganz neues Fußballtrikot an, um das er seine Mutter sehr lange angefleht hatte. Als sie es endlich kaufte, war es das falsche gewesen. Auch deshalb hatten seine Freunde ihn ausgelacht.

Seine Mutter war schuld. Besonders in den letzten Wochen, in denen sie sehr schlecht schlief, war sie oft ungerecht zu Jakob gewesen.

Jakob war in Gedanken versunken, deshalb hatte er die fette Frau nicht ankommen sehen. Sie setzte sich auf die Bank, an das andere Ende. Verstohlen sah er zu ihr hinüber. Sie betrachtete ihn und sprach ihn dann an: „Bist du Karlo?“ Jakob wäre am liebsten einfach weggegangen, war aber zu höflich dazu. Die Frau passte auch nicht in das Muster der Menschen, vor denen ihn seine Mutter gewarnt hatte. „Nein“, antwortete er, „ich bin Jakob.“

Die Frau saß breitbeinig auf der Bank, ihr Bauch schien zwischen ihren Beinen durchzuhängen. Hoffentlich würde ihn keiner seiner Freunde hier mit ihr sehen. Das würde zu weiteren Hänseleien führen. „Weißt du denn, wo mein Karlo ist?“, forschte die Frau weiter. „Jakob antwortete wahrheitsgemäß: „Ich kenne keinen Karlo.“ Die Frau sah traurig aus. „Ja, wo ist denn mein Karlo? Ich habe ihn verloren, er ist weg.“ Jakob fühlte sich unwohl, wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. „Vielleicht ist Karlo schon nach Hause gegangen, er wartet vielleicht dort auf Sie.“ Einen Augenblick blickte sie ihn hoffnungsvoll an. Dann jedoch: „Karlo ist nicht zu Hause. Ich war eine schlechte Mutter. Karlo ist nicht da.“ Sie verstummte, als ob sie nach Karlos Rufen horchte. Dann schien es, als ob ihr Bauch erbebte. Jakob starrte sie an. Sie fing an zu schluchzen. Zuerst tonlos, mit klagend geöffneten Mund. Dann brach der Schmerz aus ihr heraus und sie heulte laut auf. Als sie ihre Hände vor das Gesicht hob, ergriff Jakob die Chance und lief davon.

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