(314) Schweißgebadet wachte Anneka auf.

Schweißgebadet wachte Anneka auf. Im Zimmer war es stockdunkel. Schnell machte sie Licht. Um sie herum schien alles normal. Mit schwachen Knien stand sie auf und schlurfte in die Küche. „Malu“, rief sie und hob das Tuch über dem Vogelkäfig hoch. Sie öffnete den Käfig und holte den grüngrauen Kanarienvogel, der auf dem Käfigboden lag, vorsichtig heraus. Er bewegte sich nicht. Vorsichtig blies sie ihn an. Er blinzelte und strampelte, um sich zu befreien.

Anneka atmete auf und setzte sich an den Küchentisch. Den Vogel legte sie sorgsam vor sich hin. Malu stellte sich sofort auf die Beine und sah sie an.

„Malu, es geht dir gut. Ich hatte wieder diesen schrecklichen Traum. Das Kind… gebraten und gegessen… Wie schön, dass es dir gut geht.“

Aus einer Schale nahm sie eine Handvoll Vogelkörner und streute sie vor Malu auf die Tischplatte. Er schaute ihr aufmerksam zu und pickte dann ein paar Körner auf. Mit den kleinen Füßen scharrte er darin. Anneka fröstelte und holte sich einen Pullover aus dem Schlafzimmer. Seit Wochen hatte sie fast jede Nacht diesen Alptraum, in dem sie ein Kind bei lebendigem Leib über einem Feuer briet und es dann verspeiste. Sie konnte sich den Traum nicht erklären, denn sie hatte nie Kinder bekommen und auch noch keine abgetrieben.

Auch diese Nacht würde sie nicht mehr einschlafen können. Sie setzte sich wieder zu Malu an den Tisch. Der Vogel hatte die Körner in einer seltsamen Anordnung von diagonal verlaufenden Linien angeordnet und schaute sie an, als ob er ihr etwas mitteilen wollte.

„Was soll ich nur machen?“, fragte Anneka und raufte sich die Haare. Als sie auf ihre Hände sah, merkte sie, dass sie wieder ein ganzes Büschel ihrer weißen Haare darin hielt. Auch das ging jetzt schon seit Wochen so. Sie war am Verzweifeln. Malu tschilpte.

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