(313) Als Matthias Hohner wieder auf seinem Zimmer war, unternahm er einen weiteren Versuch.

Als Matthias Hohner wieder auf seinem Zimmer war, unternahm er einen weiteren Versuch. Er öffnete den Akkordeonkoffer, nahm das Instrument heraus und legte sich die Tragriemen an. Er setzte sich auf den Stuhl und nahm das Akkordeon auf den Schoß. Es war ein Hohner Atlantic mit 41 Tasten.

Hohner löste die Haltegurte am Balg und zog das Instrument auseinander. Er griff in die Tasten und Knöpfe und versuchte zu spielen. Aber es kam nur ein klägliches Fauchen aus dem Akkordeon. Er drückte und zog den Balg hin und her, aber es ertönte alles, nur keine Musik. Traurig steckte er den Gurt wieder fest und stellte das Akkordeon zurück in den Koffer. Gerade in dem Augenblick kam Schwester Helene mit dem Essen herein. Sie betreute Hohner, seit er mit seiner Amnesie in das Heim eingeliefert worden war. „Ging es nicht?“ Hohner schüttelte traurig den Kopf. „Das tut mir leid“, sagte Schwester Helene. „Vielleicht ist es ja auch nicht Ihr Instrument. Es wurde bloß in Ihrer Nähe gefunden. Ich glaube, mit dem Akkordeonspielen ist es wie mit dem Radfahren. Wenn man es einmal kann, verlernt man es nicht.“ Sie stellte das Tablett auf den Tisch und ging wieder hinaus.

Hohner setzte sich an den Tisch, goss Kaffee aus der Kanne in die Tasse und biss in das Wurstbrötchen. Eigentlich gefiel ihm der Name ‚Matthias Hohner‘ gut. Er gab ihm Kraft. Es war unglücklich, dass der Grund für diesen Namen anscheinend nichts mit seinem Leben zu tun hatte. Er trat mit dem Fuß nach dem Koffer und er fiel um. Er konnte sich gut vorstellen, dass er in einem früheren Leben, lustvoll auf Veranstaltungen Akkordeon gespielt hatte. Vielleicht sogar in einem Orchester. Zumindest war die Hohner Atlantic, so sagte man ihm, ein beliebtes Orchesterinstrument.

Nachts hatte er öfters einen Albtraum, in dem er mit umgeschnalltem Akkordeon in einem verlassenen Haus war, und man zwang ihn zu spielen. Er ging durch das Haus und musizierte was der Balg hergab. Und irgendwann wachte er auf und es schien ihm, als ob er noch die letzten Noten des gespielten Liedes hörte. Herr Mahler, ein verrückter Zausel, der auch im Heim wohnte, hatte ihn gefragt, was ein Optimist sei. Hohner hatte mit den Schultern gezuckt. „Ein Akkordeonspieler mit einem Pager“, hatte Mahler gesagt und vor Lachen geprustet. Hohner hatte den Witz nicht verstanden. Was war denn ein Pager?

Aber er war definitiv kein Akkordeonspieler. Wer war er nur? Auch die junge Frau, war ihm bekannt vorgekommen. Aber alle anderen mussten wohl recht haben, dass er sie noch nie gesehen hatte. Er konnte ja nicht der Einzige sein, der die Wahrheit kannte und alle anderen irrten sich. Es war wahrscheinlich anders rum. Er sollte das Akkordeon verkaufen. Vielleicht hatte Herr Mahler ja Verwendung dafür. Optimist zu sein, war ja nicht schlecht. Herr Mahler würde bestimmt auch einen Pager finden.

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