(310) Kaum saß Erik Danner wieder am Schreibtisch, klingelte es an der Tür.

Kaum saß Erik Danner wieder am Schreibtisch, klingelte es an der Tür. Zuerst wollte er das Klingeln einfach ignorieren, dann hörte er, wie das Schloss aufgesperrt wurde. Ein Blick auf den Kalender: Es war Dienstag und am Dienstag kam Ella Drescher, seine Putzfrau.

„Hallo Herr Danner. Sind Sie zuhause?“, flötete es vom Flur herein. Und dann stand sie schon in der Tür. Mitte Sechzig, kompakter aber energiegeladener Körper und einen neugierigen Blick. „Sie sollten mal lüften“, sagte sie, nachdem sie ihn begrüßt hatte. Bevor Danner irgendetwas sagen konnte, hatte sie schon das Fenster aufgerissen und ein eisiger Wind durchzog den Raum. Es war völlig sinnlos, mit Frau Drescher zu diskutieren. Und eigentlich hatte sie ja auch recht. Er hatte sie eingestellt, damit sein Haushalt nicht in völligem Chaos versank und genau darum kümmerte sie sich. „Ich gehe ins Wohnzimmer, damit Sie freie Bahn haben, Frau Drescher.“ Eigentlich saß er schon im Wohnzimmer, das er zu seinem Arbeitszimmer umfunktioniert hatte. Das Wohnzimmer, das er meinte, hatte der Architekt wohl als Kinderzimmer geplant. Er nahm seinen Laptop und sein Notizbuch und wollte sich verziehen. „Haben Sie heute schon Nachrichten geschaut, Herr Danner?“ Er schüttelte den Kopf. Er musste es sich anhören, denn sie blockierte die Tür zum Flur. „Da ist ein Junge vermisst und jetzt kämmen sie den Wald durch. Viele hundert Soldaten laufen da rum und suchen ihn. Dazu Helikopter und alles.“ – „Wo ist das denn?“, fragte er, nur um Interesse zu heucheln. „Weiß ich nicht, aber es sah unglaublich aus.“ Sie sah die benutzte Müslischale auf dem Schreibtisch und während sie sich darauf stürzte, setzte sich Danner ins Kinderzimmer ab.

Durch die Milchglastür sah er, wie Frau Drescher in ihrem rosafarbenen Arbeitskittel durch die Wohnung tobte und alles wieder sauber und ordentlich herrichtete. Ihre Haare hatte sie mit einem ebenfalls rosafarbenen Frotteetuch zusammen gebunden und durch das Milchglas sah es aus, als ob sie Hasenohren hatte.

Danner wollte arbeiten, aber die bloße Anwesenheit von Frau Drescher blockierte ihn. Er seufzte und beschloss zu Greta zu fahren. Wenn er zurückkäme, wäre auch Frau Drescher weg und er würde seine Ruhe wieder haben. Er informierte Frau Drescher, die gerade im Wohnzimmer aufräumte und brach auf.

Auf dem Abspielgerät lagen zwei DVDs und zwei Hüllen. Frau Drescher entzifferte die Titel und schob ‚Tommy‘ in die Tommy-Hülle und ‚Clockwork Orange‘ in die Clockwork Orange-Hülle. Der Mann war vielleicht viel gescheiter als sie, aber ohne ihre Arbeit wäre er völlig aufgeschmissen. Im eigenen Dreck würde er ersticken. Das gleiche dachte sie auch, als sie in der Küche das schmutzige Geschirr sah. Neben dem Herd lag säuberlich ein Stapel von Plastikhüllen, die vorher Steaks enthalten hatten. Im eigenen Dreck ersticken, dachte sie noch einmal. Und ernähren konnte er such auch nicht vernünftig. Man konnte doch nicht ausschließlich von Steaks leben.

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