(309) Das leise Zischen des Heizkörpers verlor sich in der Helligkeit der weichen Schneelandschaft.

Das leise Zischen des Heizkörpers verlor sich in der Helligkeit der weichen Schneelandschaft. Erik Danner schaute über seinen Schreibtisch hinweg nach draußen. Er hatte gerade gelesen, was er am Vorabend geschrieben hatte und er war nicht zufrieden. So war es immer, bis er etwas gefunden hatte, woran er sich festhalten konnte. Wie ein Haken, den er in die glatte Felswand einschlug und der ihm beim Aufstieg Halt gab. So war es bei den drei Büchern gewesen, die er bisher veröffentlicht hatte. Alles Krimis mit Thrillerelementen. Das letzte Buch, ‚Tabakspuren‘, war recht erfolgreich gewesen. Bei dem neuen Buch wollte sein Verleger richtig Geld in Marketing investieren. Das erhöhte auch den Druck, aber damit konnte Erik umgehen. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, war er Industriekletterer gewesen. Als das zweite Buch gut lief, hatte er gekündigt. Es war nicht üppig, aber er brauchte nicht viel zum Leben.

Draußen hatte es wieder angefangen zu schneien. Danner goss sich Pfefferminztee aus der Thermos nach. Fay und McDermott waren als Charaktere nicht schlecht. Sie waren verschieden und doch waren sie aufeinander angewiesen. Es gab eine Spannung, ob etwas zwischen Ihnen passieren würde. Aber es war unklar, was mit ihnen geschehen sollte. Das Spannungselement konnte nicht darin bestehen, dass ein Mann in einem Bunnykostüm sie verschwinden ließ oder dass sie von einem Akkordeonspieler terrorisiert wurden. Aber es ging ja erst einmal nur darum, die Möglichkeiten kreisen zu lassen. Dann würde sich eine Route auftun, die er mutig besteigen konnte.

Das Telefon klingelte. Normalerweise stöpselte er es aus, wenn er schrieb, aber er hatte es wohl diesmal vergessen.

„Hallo Dad!“ – „Hallo Greta.“ Danners Tochter rief ihn nur an, wenn sie etwas brauchte. Eigentlich nahm er sich immer wieder vor, öfters mal selbst den Kontakt zu suchen und eine Beziehung zu ihr aufzubauen, damit er nicht jedes Mal mit den Augen rollen musste, wenn sie ihn anrief.

„Was gibt es, mein Schatz?“ – „Bei mir vor dem Haus lungert ein Mann rum. Ganz dick und hässlich. Er starrt immer zu meinem Balkon hoch.“ – „Hat er versucht, reinzukommen? Hat er dich belästigt?“ – „Er starrt die ganze Zeit hoch, das ist eine Belästigung.“ – „Hast du deine Mutter angerufen? Die wohnt doch praktisch nebenan.“ – „Sie ist im Urlaub. Redet Ihr eigentlich gar nicht mehr miteinander?“ – „Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Wo ist sie denn?“ – „In Vietnam.“ – „Aha. Mit ihrem Psychotherapeuten?“ – „Mit ihrem neuen Mann, der zufälligerweise Psychotherapeut ist. Ja, mit ihm.“ Danner stöhnte. Seine Tochter sagte nichts mehr. Sie wusste genau, wie sie ihn unter Druck setzen konnte. „Na gut. Ich komme vorbei und schau mir den Typen an. Aber erst heute Nachmittag. Ich muss hier auch noch etwas tun.“ Sie wollte weiter betteln. „Sperr einfach die Tür zu und geh nicht hinaus. Er wird ja nicht an der Fassade hochklettern.“ – „Und wenn?“ – „Dann schließ auch die Fenster. Ich komme.“ Danner legte auf. Natürlich war es nicht in Ordnung, was er machte. Natürlich hatte sie alles Recht der Welt, ihn um Hilfe zu bitten. Aber er musste auch mal mit dem neuen Buch vorankommen. Er stöpselte das Telefon aus.

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