(3) Stella Hauser stieg aus der Straßenbahn Linie 163.

Stella Hauser stieg aus der Straßenbahn Linie 163. Als die Tram weitergefahren war, beschloss sie, nicht gleich nach Hause zu gehen. Langsam spazierte sie in die entgegengesetzte Richtung um den Block herum. Sie setzte sich an einen Tisch vor dem Straßencafé, zu dem sie öfters hinging, wenn sie nicht gleich nach Hause wollte. Sie bestellte sich ein Glas Weißwein. Die Tische um sie herum waren gut besetzt. Viele junge Leute, aber auch Paare, im gleichen Alter wie sie, oder noch älter. Obwohl sie bereits seit 23 Jahren mit Alfred verheiratet war, hatte sie den Eindruck, dass es immer schlimmer mit ihm wurde. Früher war er wenigstens viel unterwegs gewesen. Durch die vielen einsamen Tage hatte sie sich oft vernachlässigt gefühlt. Heute wäre sie froh, wenn Alfred sich für irgendetwas interessieren würde. Er saß den ganzen Tag nur in der Wohnung, schaute fern, las oder starrte aus dem Fenster. Wenn er mit ihr sprach, dann ging es immer um irgendwelche Vorhaben, die er sich ausdachte, aber nie umsetzte. Mal wollte er das Angelzeug im Keller wieder auf Vordermann bringen und an den See fahren. Seine Fotosammlung wollte er einscannen und sortieren. Oder er beabsichtigte, den verwahrlosten Schrebergarten wieder nutzbar herzurichten. Aber es blieb bei seinen Worten. Nie unternahm er etwas, er hockte immer nur in der Wohnung herum. Allein der Klang seiner nöligen Stimme, wenn er anhob und seine Pläne vortrug, reichte schon aus, um Stellas Puls zu beschleunigen. Manchmal verspürte sie richtig Ekel vor ihm. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie Alfred Hauser nicht geheiratet hätte?

Das Wiedersehen mit Uta Zanners Sohn hatte ihr einen Stich versetzt. Sie hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, weil sie damals aus purer Langeweile und wegen übermäßigen Weinkonsums versucht hatte, Bert zu verführen. Uta hatte es natürlich sofort bemerkt und danach jahrelang nicht mehr mit ihr geredet. Das war es aber nicht, was sie vorhin bewegt hatte. Es war ihr klar geworden, dass sie an jenem Nachmittag, als sie auf Bert aufpassen sollte, noch eine Wahl gehabt hätte, ihr Leben zu verändern. Alle Fakten lagen damals auf dem Tisch. Alfred hatte sich bereits als Enttäuschung herausgestellt. Und doch hatte sie es vorgezogen, die endlosen folgenden Tage verstreichen lassen. Sie war abgesichert gewesen. Alfred hatte nie große Erwartungen an sie gestellt. Dafür hatte er ihr auch nie Dankbarkeit gezeigt. Stella schaute auf die Uhr. Alfred würde jetzt im Bett liegen. Sie zahlte ihren Wein und vollbrachte den Gang um den Block. Die Fenster zu ihrer Wohnung waren dunkel.

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