(3) Anna Kreinert klappte die Sonnenblende herunter und schaute sich im Spiegel an.

Anna Kreinert klappte die Sonnenblende herunter und schaute sich im Spiegel an. In ihrem neuen Mantel sah sie königlich aus. Den Hermelinkragen hatte sie sich verdient. Nach der Blamage mit dem zerstörten Gemälde hatte Ewald keine andere Wahl gehabt, als ihr einen Blankoscheck auszustellen. Den Mantel hatte sie gerade gekauft gehabt, aber es fehlte ihm an Pep. Jetzt mit diesem Kragen aus weißem Hermelinfell mit schwarzen Schweifen war der Mantel ein einmaliges Einzelstück. Sie klappte die Blende hoch und stieg aus dem Wagen. Ewald hatte sie zu der Soiree nicht mitgenommen. Er hatte zwar gebüßt, aber sie wollte ihn zuerst nicht bei sich haben. Strafe musste sein.

Sie musste ein paar Meter zurückgehen zur Hausnummer 349, in der das Event stattfand. Vorher sah sie bereits von Weitem dieses Klappergestell von Lida Ullmann mit ihrem devoten Ehemann aus der anderen Richtung kommen. Anna Kreinert fragte sich gerade, ob sie schneller gehen sollte, um mit den beiden gemeinsam hineinzugehen und Lida mit dem Kragen die Show zu stehlen. Oder besser warten und einen eigenen Auftritt hinlegen. Sie überlegte noch, als das Licht einer Straßenlaterne auf Lida fiel und Anna erkannte, dass sie einen weißen Kragen mit Tupfen am Mantel trug. Er sah aus wie ihrer. Sie stellte sich hinter einen Baum und beobachtete, wie Lida näher kam. Ja, es war ein Hermelinkragen, der aussah wie der Zwillingsbruder ihres eigenen. Annas Gefühle schwankten zwischen Ohnmacht und Wut. Sie fühlte sich betrogen von Kapschinsky, dem Pelzhändler. Außerdem auch von Ewald, der sie in diese missliche Situation gebracht hatte. Trotz ihrer Verzweiflung arbeitete sie im Kopf ihre Handlungsmöglichkeiten durch. Sie durfte sich nicht geschlagen geben und Lida das Feld überlassen. Sie knöpfte den Hermelinkragen ab, rollte ihn auf und stopfte ihn in die Handtasche ganz nach unten.

Als ihr die Haustür geöffnet wurde, stand Lida noch immer im Mantel im Hausflur und präsentierte stolz den Frauen, die sich um sie scharten, ihren Hermelinkragen.

„Schau mal, Anna, ein Hermelinkragen“, sagte die Gastgeberin. Anna schaute kurz hin und meinte, dass der Kragen so schön sei, wie man es sonst nur in Museen sähe. „Museal“, wiederholte sie und schaute dabei Lida fest in die Augen, während sie selbst ihren Mantel abstreifte und ihn Herrn Ullmann, der untätig herumstand, in die Hände drückte.

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