(3) Mit siebzehn Jahren war Herbert Jost…

Mit siebzehn Jahren war Herbert Jost in die Staaten ausgewandert. Als Hitler Reichskanzler wurde, lebte er bereits zwei Jahre drüben. Von Amerika hatte er geträumt, seit er denken konnte. Englisch hatte er sich selbst beigebracht mit Heften der Popular Mechanics, die ihm sein Onkel Heinrich sporadisch schickte. Verschlungen hatte er die Zeitschriften, die seine Erwartungen von Amerika prägten.

Mit der Bahn nach Hamburg, mit dem Schiff nach New York und an der Freiheitsstatue vorbei, die er bereits von innen kannte, bevor er sie zum ersten Mal erblickte. Onkel Heinrich war sehr autoritär und sprach auch nach einunddreißig Jahren in Brooklyn noch ein grauenvolles Englisch. Aber er unterstützte Herbert und war stolz auf seinen Neffen, als der ein Stipendium für Ingenieurswissenschaften am MIT bekam. Nach dem Studium zog Herbert nach Chicago. Heinrich hatte er danach nur noch ein Mal besucht und an manchen Tagen belastete ihn deswegen sein schlechtes Gewissen.

Seine Frau Hetty lernte Herbert bei einem Firmenpicknick kennen, sie war die Schwester eines Kollegen. Zwei Monate später heirateten sie, ein Jahr danach kam der Junge, dann das Mädchen und als sie fünf Jahre verheiratet waren, starb Hetty. Herbert konnte nichts mit den Kindern anfangen und gab sie an seinen Schwager und dessen Frau weiter. Er vertiefte sich in seine Arbeit und wurde sehr erfolgreich dabei. Das Unternehmen beförderte ihn zum Leiter der Abteilung für Forschung und Entwicklung und an Freitagnachmittagen versuchte er sich mit anderen Abteilungsleitern beim Golf. Jeden zweiten Sonntag besuchte er seinen Schwager und die Kinder.

An einem runden Geburtstag nahmen ihn Ted Burke (Abteilungsleiter Produktion) und Willy Palmer (Abteilungsleiter Einkauf) mit in den Playboy Club von Chicago. Willy war Keyholder und kannte sich aus. Ted und Herb waren beide zum ersten Mal da und bekamen vor Staunen den Mund nicht zu. Mit den Mädchen in den Hasenkostümen allein im gleichen Raum zu sein – bereits das verursachte ihnen Schwindel. Wenn sie von den Bunnys angesprochen wurden, wurde es noch schlimmer und sie verwandelten sich in linkische Pubertierende. Erst nach dem zweiten Cocktail fühlten sie sich besser und glitten in einen weichen Watterausch hinein. Willy schob ein Mädchen an Herberts Seite und winkte den Clubfotografen herbei. Bevor Herbert sich versah, zündete das Blitzlicht. Später drückte ihm Willy den Abzug in die Hand, haute ihm auf die Schulter und feixte, „Now, old boy, wasn’t that a great birthday.“

Manchmal, wenn er allein war, betrachtete Herbert das Bild. Ein paar Jahre später zog er nach Deutschland zurück und schickte seinen amerikanischen Kindern jedes Jahr eine Weihnachtskarte und manchmal einen Brief. Manchmal schrieben sie zurück.

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