(296) Einmal im Jahr trafen sie sich alle vier wieder.

Einmal im Jahr trafen sie sich alle vier wieder. In den 13 Jahren seit der gemeinsam gefeierten Priesterweihe hatten sie es jedes Jahr geschafft, sich für drei Tage an wechselnden Orten wiederzufinden und sich auszutauschen. Hannes meinte irgendwann, dass diese Begegnungen ihm die Familie ersetzten.

Manchmal verabredeten sie sich in einer Stadt, manchmal in den Bergen, am Meer oder irgendwo dazwischen. Karlo machte immer drei Vorschläge und es galt der Mehrheitsentscheid. Karlo kümmerte sich auch um die Organisation. Ben machte Fotos, die er später mit allen teilte. Die vier hatten sich am Vormittag am Hauptbahnhof der Stadt getroffen, wo alle mit Nah-, Fern- oder gar Nachtzügen eintrafen. Sie hatten ihr leichtes Gepäck in einem Hotel in Bahnhofsnähe abgesetzt und waren gleich losgezogen.

Wieder hatte es im Vorfeld eine Diskussion gegeben, als Karlo das Programm herumgeschickt hatte. Alle außer Hannes wollten keine Kirchen oder Friedhöfe besichtigen. Auch dieses Mal musste Hannes nachgeben. Sie schauten sich das Stadtschloss an, dann ein Abstecher in den Zoo und dann der Besuch des Museums für Zeitgenössische Kunst.

Hannes blieb vor einem Gemälde stehen und konnte sich nicht losreißen. Erst warteten die anderen im nächsten Raum, dann sagten sie Hannes, dass er sie in der Cafeteria treffen konnte. Das Gemälde war riesig, es maß etwa fünf mal vier Meter. Im Hintergrund war es tiefschwarz mit ausdrucksvoller Pinselführung gemalt. Darüber war zu etwa 60% eine weiße Deckschicht aufgetragen, die eine variable Deckkraft hatte. Es war, als ob ein nasses, weißes Spitzentuch Teile des schwarzen Gemäldes abdeckte. Das Werk hieß „Mit totenbleicher Haut wandeln wir durch die Nacht“.

Nach einer halben Stunde kamen die anderen zurück und mussten Hannes fast von dem Bild wegzerren. Er konnte ihnen nicht sagen, was ihn dort so festgehalten hatte. Später meinte er, dass er sich nicht mehr an das Bild erinnerte. „Wir sollten uns etwas zu essen holen“, sagte Jens. „Was ist geplant, Karlo.“ – „Wir kaufen uns Bier und Würstchen und setzen uns an den Fluss.“ – „Eine hervorragende Idee“, meine Ben und schoss noch ein Foto von Hannes. „Jetzt nicht“, wehrte sich Hannes.

Während Karlo und Ben in einem Supermarkt Bier kauften, warteten Jens und Hannes vor der Tür. „Was war?“, fragte Jens. Hannes überlegte. „Es war, als ob das Bild mit mir sprach. Sehr intensiv.“ – „Und, was sagte es?“ – „Ich will nicht darüber reden, ok? Tun wir einfach so, als ob nichts war, ok? Das haben wir doch alle gut gelernt…“

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