(294) Nachdem sie einen guten Teil der Nacht darüber gegrübelt hatte…

Nachdem sie einen guten Teil der Nacht darüber gegrübelt hatte, fand Susanne am nächsten Morgen, dass sie René ungerecht behandelt hatte. Er konnte nichts dafür, dass er in eine reiche Familie geboren worden war. Das war es auch nicht, was sie aggressiv gemacht hatte. Es war vielmehr ihr Unverständnis, dass jemand, dem alles offenstand, sich so wenig für Dinge interessierte, die ihr wichtig waren.

Sie hatte seit ihrer Kindheit dafür betteln müssen, dass ihre Eltern ihr eine Ballettausbildung möglich machten. René wäre alles in den Schoß gefallen. Er hätte bestimmt nicht betteln müssen. Aber er interessierte sich nicht dafür. Und dann redete er noch über Dinge, von denen er nichts verstand.

Trotzdem war sie zu hart zu ihm gewesen und es war auch nicht gut, dass er ohne weitere Worte einfach abgehauen war. Sie rief ihn an aber nur der Anrufbeantworter sprach zu ihr. Sie legte vor dem Piepton auf. Er war an der Uni, wie an jedem Montag. Dann hatte sie eine Idee, wie sie sich mit ihm versöhnen könnte. Sie würde ihn mit einem Steak überraschen, wenn er nach Hause kam. Sie hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Im Laufe des Tages würde sie zum Metzger gehen und ein saftiges Rinderfilet für ihn kaufen. Und am späten Nachmittag würde sie es bei ihm braten und ihn bei seiner Rückkehr von der Uni erwarten. Sie hatte ja keine Berührungsängste mit Fleisch. Ihrem Vater hatte sie immer wieder Steaks gebraten und er hatte sich nie beschwert.

Um 17 Uhr verließ sie ihre kleine Wohnung. Ihr Viertel war etwas heruntergekommen, dafür aber sehr liebenswert mit vielen kleinen Läden. Die Metzgerei Wolter war eine Straße weiter.

Vor Susanne war noch eine ältere Dame dran. Hinter der Theke stand Ursula Wolter, eine gestandene Metzgersfrau, die gerade das Hackbeil schwang, um für die Kundin ein Kotelett abzutrennen. Mit zwei Schlägen hatte sie das Gewebe und den Knorpel durchtrennt. Sie warf das Fleisch auf die Waage, die 179 Gramm anzeigte. Frau Wolter notierte den Preis mit einem dicken Bleistift auf dem Einwickelpapier. „Darf es sonst noch etwas sein?“, fragte sie. Die Kundin verneinte und zückte die Geldbörse.

Susanne war schon seit einer Ewigkeit nicht mehr in einem Metzgerladen gewesen. Sie erinnerte sich daran, dass sie als Kind ihre Mutter oft zur Metzgerei begleitete. Der Metzger, ein etwas furchterregender Mann mit einem buschigen Schnurrbart und blitzenden Augen schnitt immer eine kleine Scheibe Wurst für sie ab und reichte sie ihr über die Theke. Manchmal musste ihre Mutter ihr zureden, damit sie das Geschenk annahm.

„So mein Fräulein, was darf es denn für Sie sein?“ Frau Wolter sah sie freundlich an. An ihrer Schürze war ein länglicher Blutfleck, dessen Form an die Sylt-Aufkleber erinnerte.

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