(284) „Er ist friedlich eingeschlafen, das ist mein größter Trost“

„Er ist friedlich eingeschlafen, das ist mein größter Trost“, Renate Korn wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Hansjürgen, ihr Sohn, legte seine Hand auf ihre. Siegmar Jahns, der Bestatter, saß ihnen gegenüber und sah neutral-betroffen aus.

Hansjochen Korn war nach langer Krankheit zu Hause einfach im Schlaf gestorben. Renate hatte es erst am nächsten Morgen gemerkt. Viele von Korns Feinden hatten nicht dieses Glück gehabt.

Korn stammte aus kleinen Verhältnissen, hatte sich mit Grips und Gewalt hochgearbeitet und dafür viele Revierkämpfe führen müssen. Zimperlich war er nie gewesen. Seiner Frau und seinem Sohn hinterließ er, soweit Jahns es abschätzen konnte, ein großes, gutgehendes Bordellimperium.  Nachdem der Patriarch aber nicht mehr da war, würde das Geschäft künftig stärker unter Druck geraten. So wie beim Römischen Reich, dachte Jahns.

Korn hatte seine Trauerfeier noch selbst genau planen können. Von der Blumendekoration (Lilien, weiß) bis zum Chor (gemischt, schwarze Kleidung, Psalm 23) – er hatte alles geregelt. Offener Sarg, also mit entsprechender Aufbereitung.

Jahns hatte Übung, denn es war nicht das erste Mal, dass er für die Halb-/Unterwelt arbeitete. Auch die Sitzordnung bei der Trauerfeier hatte Korn entworfen. Renate überreichte Jahns das Dokument. „Was ist, wenn nicht alle kommen?“, fragte er. „Sie werden kommen“, antwortete Korn. „Bitte stellen Sie jemand neben den Sarg. Ich will nicht, dass die Leute Nadeln in ihn stechen, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich tot ist“, bat Renate Korn. Jahns sicherte ihr zu, dass er sich darum kümmern werde.

Bei allen Entscheidungen, die Hansjochen Korn nicht selbst getroffen hatte, gab es keine Diskussionen: Mutter und Sohn wählten jedes Mal die teuerste Variante. Sie wussten, dass die anwesenden Wettbewerber jedes Detail bewerten würden und sie wollten sich keine Blöße geben. Vor allem nicht vor Balzer und Nowak.

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