(281) In der Frauengruppe an Kowalewskis Schießstand waren neben Annegret Preuss noch vier weitere Frauen.

In der Frauengruppe an Kowalewskis Schießstand waren neben Annegret Preuss noch vier weitere Frauen.

Carmen Mantel war Mitte Zwanzig und schien Frau Preuss etwas paranoid zu sein. Sie hatte als einzige einen Waffenschein und trug bei abendlichen Spaziergängen immer eine Pistole bei sich. Es war nicht klar, ob sie sich damit bei ihren Spaziergängen schützen wollte oder ob sie spazieren ging, um bei Gelegenheit, die Waffe gegen einen Angreifer einzusetzen. Frau Mantel hatte Herrn Kowalewski gefragt, ob sie Fotos von Männern an die Zielscheibe hängen durfte, er hatte es aber abgelehnt.

Frau Sackenreuther kam zum Schießen, weil sie neben dem Schießstand wohnte und sie gerne etwas mit anderen Leuten unternahm. Sie schoss nicht sehr gut und Herr Kowalewski hatte sie bereits mehrmals gewarnt, nicht mit der Pistole in der Hand ein Schwätzchen mit der Standnachbarin zu halten. Frau Sackenreuther entschuldigte sich dann, legte die Pistole an ihren Platz und fuhr mit dem Schwätzchen fort. Kowalewski konnte ihr nicht böse sein, denn ziemlich oft brachte sie ihm selbst gebackenen Marmorkuchen mit, den er sehr gern mochte.

Dann war da noch die Seniorin, Frau von Hülsen. Früher war sie eine begeisterte Bogenschützin gewesen und hatte sich fast sogar für eine Olympiateilnahme in Mexiko 1968 qualifiziert. Jetzt war sie Mitte Sechzig und litt unter einer chronischen Sehnenscheidenentzündung im Schultergelenk der Zughand. Ihr Arzt hatte ihr gesagt, dass sie mit dem Bogenschießen aufhören musste. Deshalb war sie auf Pistolenschießen umgestiegen. Seit drei Jahren arbeitete sie verbissen daran, ihre persönlichen Bestleistungen immer weiter zu verbessern. Aber sie wusste schon, wo das nächste Hindernis herkommen würde: Ihre Augen wurden immer schwächer und die Vorstellung, mit einer Brille am Schießstand zu stehen, verletzte ihre Eitelkeit.

Schließlich gehörte auch noch Linda Lohrer zu der Gruppe. Sie war Anfang Vierzig und hatte einen geistig behinderten Sohn, den sie mit Erlaubnis von Herrn Kowalewski mit zum Schießstand brachte. Carsten Lohrer war zwanzig, aber im Entwicklungsstadium eines Sechsjährigen hängengeblieben. Er saß mit seinen Ohrschützern in der Ecke und kritzelte mit Buntstiften in einem Malbuch oder las in einem alten Lexikon, das er immer dabeihatte. Am Anfang hatte Kowalewski Sicherheitsbedenken gehabt, aber als er sah, dass der Junge auch bei voller Geräuschkulisse schussfest war, willigte er ein. Manchmal gab er Carsten ein Stück Marmorkuchen ab. Dafür bekam er von dem Jungen eine Zeichnung, auf die Carsten ‚Für Onkel Kowalewski‘ geschrieben hatte.

Wenn die Frauen fertig geschossen hatten, gingen sie meistens noch zusammen etwas trinken in das Café nebenan. Alle außer Frau Mantel, die immer andere Gründe anführte, warum sie nicht mitgehen konnte. Keiner glaubte ihr, aber ihre Anwesenheit wurde auch nicht sonderlich vermisst.

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