(280) Frau Preuss hatte es auch mit Boxen versucht…

Frau Preuss hatte es auch mit Boxen versucht und es hatte ihr besser gefallen, als erwartet. Guillermo wäre sicher erstaunt gewesen, denn es war ihm bestimmt nur darum gegangen, ihr zu bedeuten, sie möge sich mal die Fresse polieren lassen. Im Schnupperkurs Boxen fand Frau Preuss heraus, wonach sie eigentlich suchte. Sie brauchte kontrollierte Aggression, um ihren aufgestauten Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Nicht einfach nur auf die Kacke hauen“, sagte Ray Grabowskis, der Boxlehrer, ein kleiner gedrungener Sechzigjähriger mit Blumenkopfohren und schiefer Nase. „Wenn Du draufhaust, dann auf ein Ziel zehn Zentimeter hinter dem Kopf. Und schlag erst, wenn du das Ziel hast.“ Nach einer Trainingsstunde war Frau Preuss ausgepowert, aber glücklich. Jeder Schlag gegen den Sandsack fühlte sich gut an, bis hinunter zur Becken-boden-muskulatur, dachte sie zufrieden. Trotzdem brach sie das Training ab. Was sie störte, war der herb-animalische Geruch in der Boxhalle. Normalerweise trainierten hier nur Männer. Nur an dreimal zwei Stunden pro Woche war die Halle für Frauen reserviert. Aber der Geruch von kämpfenden Männern musste sich über die Jahrzehnte tief in die Bausubstanz eingefressen haben und verleidete Frau Preuss den Aufenthalt. Grabowski bedauerte es. „Du hast den Killerinstinkt, Annegret. Aber ich kann nicht wegen dir umziehen.“ Sie hatte es mit Parfüm getränkten Wattebäuschchen in der Nase versucht, aber dadurch kam sie zu schnell aus der Puste. „Wie wäre es mit Schießen“, sagte Grabowski ihr zum Abschied. Er gab ihr die Adresse eines Schießstands, den ein Freund von ihm leitete.

Willi Kowalewski hieß Frau Preuss willkommen. Auch er bot einen Schnupperkurs an, und zwar im Pistolenschießen. Es gab sogar eine Frauengruppe, die sich dreimal in der Woche zum gemeinsamen Schießen traf. „Die meisten wollen nur Spaß haben“, sagte Kowalewski, ein dicker behäbiger Mann unbestimmten Alters, der meistens mit einer nicht angezündeten Zigarre im Mund herumlief.

Nach einer gründlichen Sicherheitseinweisung durfte Frau Preuss endlich selber schießen. Kowalewski zeigte ihr verschiedene Positionen, wie sie dabei die Pistole halten konnte. „Dann gibt es noch die sogenannte ‚Rock the Baby‘-Stellung, die sich gerade für Frauen anbietet. Sie halten die Pistole mit der rechten Hand. Die linke greift den rechten Ellbogen und die rechte liegt auf dem Ellbogen der linken. Jetzt haben sie die Arme auf Schulterhöhe. Perfekt. Das gibt viel Stabilität. Die Stellung wurde von Chic Gaylord erfunden, ein wirklich legendärer Hersteller von Holstern.“ Frau Preuss visierte die Zielscheibe an und drückte ab. Im gleichen Augenblick wusste sie, dass sie einen Sport gefunden hatte, der ihr gefiel. Sie mochte sogar den Pulvergeruch. Nachdem sie das Magazin geleert hatte, holte Kowalewski die Zielscheibe heran. „Respekt, Frau Preuss. Und Sie haben noch nie geschossen? Dann darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie ein Naturtalent sind!“ Frau Preuss strahlte.

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