(276) Carlheinz Förster tätschelte die Zucchini.

Carlheinz Förster tätschelte die Zucchini. Zärtlich strich er mit den Händen über die kühle, glatte Haut der Frucht. Er hatte sie gerade noch einmal gemessen: 139 Zentimeter. Sieben Zentimeter mehr als gestern. Fast schon so groß wie sein bisher größtes Exemplar vor zwei Jahren. Das waren damals 163 Zentimeter. Das Wachstum war zuerst langsam, aber irgendwann ging es ganz schnell. Einmal hatte eine Frucht elf Zentimeter an einem Tag zugelegt. Letztes Jahr war allerdings ein Desaster gewesen: sehr feucht und die Blütenblätter waren früh gewelkt. Er hatte es versäumt, sie abzuknipsen, und deshalb hatte ein Pilz die ganze Ernte dahingerafft. Dieses Jahr sah es sehr gut aus. Er hatte auch darauf geachtet, dass die Befruchtung gut funktionierte. Mit einer männlichen Blüte hatte er die Staubfäden selbst über die Narbe der weiblichen Blüte gestrichen. Das war bestimmt ein Schlüssel zum Erfolg. Das und das regelmäßige Wässern. Sein Ziel war es über 239 Zentimeter zu kommen, der jetzige Weltrekord. Förster wollte mit seiner Zucchini ins Guinness Buch der Rekorde.

Plötzlich riss ihn ein gewaltiger Krach aus seinen Gedanken. Er sprang auf und sah wie ein feuerrotes Motorrad mit einer Frau auf dem Sozius die Straße heraufpreschte und mit vollem Karacho an ihm vorbeischoss. Förster reckte protestierend die Faust und wollte dem Fahrer schon Verwünschungen hinterherschreien. Er hielt aber inne, denn fast wäre er auf die Zucchini getreten. Bestürzt hockte er sich wieder davor und befühlte den festen Fruchtkörper. Nein, es war noch einmal gut gegangen. Nicht auszudenken, wenn er wegen diesem Rüpel darauf getreten wäre.

Falls es dieses Jahr nicht klappen würde, wusste er nicht, ob er sich die ganze Mühe noch ein weiteres Mal antun würde. Seit der Aussaat im April hatte er die Pflanzen zweimal am Tag gegossen und ständig nach ihnen geschaut. Er wusste, dass Dorette wenig Verständnis hatte, sie sagte aber nichts. Ein weiteres Jahr würde sie bestimmt nicht stillhalten. Schon seit Längerem war es ihr Traum, im Frühling nach Santorin zu fahren. Dann sei die Landschaft wenigstens noch grün, hatte sie gesagt. Das war natürlich nicht vereinbar mit einem ernsthaften Zucchinianbau. Etwas anderes wäre es natürlich, nach Santorin zu fahren und das Guinnessbuch mit seinem Rekord dabei zu haben. Das hatte doch nicht jeder. Der jetzige Rekordhalter war Gurdial Singh Kanwal, ein nach Kanada ausgewanderter Inder. Wenn er den Rekord geknackt hatte, würde er mal Herrn Kanwal anschreiben, dachte Förster. Vielleicht könnte er ihn auch in Kanada besuchen. Das würde vielleicht auch Dorette interessieren. Nach Kanada fliegen und mit einem anderen Zucchini-Rekordhalter fachsimpeln. Aber zuerst hieß es weiterarbeiten. Förster stand auf und holte den Gartenschlauch. Dieser idiotische Motorradrowdy, dachte er noch. Das hätte ins Auge gehen können. Unverantwortlich.

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