(250) Das war extrem mutig, Herr Runte!

„Das war extrem mutig, Herr Runte!“ Melia Janoschek war begeistert von den 66 Szenen aus Amerika, die Runte ihr gerade über ihre Beameranlage vorgeführt hatte. „Was mich so ein bisschen interessieren würde: Was haben Sie denn noch an weiteren Projekten in Planung?“ Runte wirkte etwas verstört. Er hatte gerade kein neues Projekt, da die Finanzierung von diesem noch völlig in der Luft hing. Er hatte das Projekt abgeschlossen und hoffte darauf, es verkaufen zu können, um seine Schulden zu tilgen. Erst dann würde er sich überhaupt Gedanken über ein neues Projekt machen. Eigentlich ging es ihm gerade ums physische Überleben. Melia Janoschek war ein aufstrebender Stern am Sammlerhimmel und man sagte, dass sie Geld ohne Ende in Kunstprojekte steckte.

Die junge Sammlerin schaute ihn verständnisvoll an, während sie auf seine Antwort wartete. Als er nichts sagte, meinte sie: „Ich wäre natürlich gerne bei dem Projekt von Anfang an dabei gewesen. Andy Warhol ist mein Gott. Es gibt niemand, der über ihm steht. Ich hätte natürlich nichts anders gemacht oder Sie beeinflusst. Aber ich wäre gerne dabei gewesen. Ich möchte mich mit Ihnen zusammensetzen und Ihnen mit allen Mitteln helfen, Ihr Projekt zu realisieren. Schade, dass das Projekt jetzt schon fertig ist. Vielleicht beim nächsten Mal.“ Bei Runte fiel der Groschen. „Nun, ganz fertig ist es noch nicht. Ich glaube, ich werde noch ein bisschen… ziemlich viel austauschen müssen. Mehr Variation oder die Szenen ineinander übergehen lassen… Solche Dinge. Das hier ist nur, wie soll ich sagen, Rohmaterial. Der Steinbruch aus dem ich, ich meine wir, etwas Großes machen können. Also mit Ihrer Hilfe würde das etwas ganz Tolles werden.“ Jetzt strahlte Melia Janoschek. „Das höre ich gerne, Herr Runte. Wenn das so ist, dann können wir, glaube ich, zusammenarbeiten. Was brauchen Sie denn alles, damit Sie das Projekt zu Ende bringen können?“ Runte wollte am liebsten Geld verlangen, aber er hatte Angst, dass das die Sammlerin abschrecken würde. Reiche Leute waren immer abgeschreckt, wenn man von ihnen Geld verlangte. Dabei war es meistens das Einzige, was sie auszeichnete. Er musste also eine Zeit lang noch weiter an den 66 Szenen arbeiten, bis seine Mäzenin den Eindruck hatte, dass es auch ihr Kunstwerk war. Dann konnte er es verkaufen. Aber bis dahin? „Ich brauche Platz“, log er, aber sie sprang sofort darauf an. „Platz? Sehr gut! Davon habe ich mehr als genug. Warum übernehmen Sie nicht eins von den Ateliers hier im Haus? Sie können dann auch gleich hier wohnen. Dann können wir viel leichter an dem Werk arbeiten. Was meinen Sie?“ Runte willigte freudig ein. Das war ein Glücksgriff gewesen, dass er das Gespräch noch so umbiegen konnte. Wenn er sagen konnte, dass er bei der Sammlerin Janoschek eingezogen war, würde sich seine Kreditwürdigkeit um ein Vielfaches erhöhen. Außerdem konnte er Wohnung und Atelier kündigen und Geld sparen. Vielleicht würde seine Mäzenin auch Karla einstellen. Sonst musste er sie gehen lassen, egal wie billig sie war. Es war eine Gelegenheit.

Frau Janoschek schaute auf die Uhr. „Herrje, jetzt muss ich aber gehen, ich werde abgeholt. Überlegen Sie sich das mit dem Einzug noch einmal und wir sprechen dann wieder. Extrem mutig, Herr Runte. Extrem!“ Dann war Runte aus dem Gespräch entlassen. Er fühlte sich etwas hilflos.

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