(257) Bernhard kam in die Wohnung und hängte seine Jacke an den Haken.

Bernhard kam in die Wohnung und hängte seine Jacke an den Haken. „Hallo Celeste“, rief er, „Papi ist da. Wo bist du?“ Er durchschritt die Zimmer und fand seine Tochter oben auf der Treppe sitzend, mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien. „Hier bist du. Was machst du denn?“ – „Ich lese“, antwortete sie etwas gereizt. „Das sehe ich. Hast du keine Lust, mit Papi im Garten zu arbeiten?“ – „Nein“, entgegnete sie und rollte mit den Augen. „Rutsch doch mal. Was ist das denn für ein Buch?“ Sie hielt sich das Buch kurz vor das Gesicht, damit er den Titel lesen konnte. „Barbara und der sprechende Baum“, las er, „das kenne ich nicht. Worum geht es darin?“ Sie klappte das Buch energisch zu und sagte: „Jetzt lass mich doch lesen. Es interessiert dich doch gar nicht.“ – „Doch, natürlich interessiert es mich, was meine Tochter liest.“ – „Aber du findest Bücher doof.“ – „Überhaupt nicht“, entgegnete er, „ich mag Bücher.“ – „Und warum liest du dann nicht? Du hast ja überhaupt keine Bücher. Mami sagt, du bist beschränkt.“

Bevor Bernhard wusste, was geschah, hatte er Celeste bereits geohrfeigt. Sofort bereute er es. „Entschuldigung, Celeste, das wollte ich nicht.“ Celestes Gesichtsausdruck hatte sich von bassem Erstaunen zu Schrecken und Schmerz verwandelt.

Sie heulte los und warf ihr Buch die Treppe hinunter. Gerade als sie aufstand und in ihr Zimmer lief, trat Hanne zur Haustür herein. „Was ist los?“, fragte sie. Celeste warf die Tür zu. Bernhard zuckte mit den Schultern. „Du hast doch schon wieder etwas gesagt oder getan?“, forschte Hanne mit tadelnder Stimme. „Nein, es war ein Missverständnis“, beteuerte er.

Hanne stieg die Treppe hoch, hob das Buch auf und ging an Bernhard vorbei zu Celestes Zimmer. Sie klopfte an und schlüpfte hinein. Bernhard saß erst unschlüssig da und ging dann in die Küche, um sich eine Cola aus dem Kühlschrank zu holen. Sein Mund war trocken.

Nach einiger Zeit hörte er die Tür und Schritte auf der Treppe. Hanne kam in die Küche. Sie schrie ihn an: „Ja, spinnst du komplett? Wie kannst du ein kleines Mädchen so schlagen? Man sieht ja noch deinen Handabdruck auf ihrer Wange. Du gehörst in Therapie. Warum hast du dich nicht so im Griff wie die Bekloppten, die du beaufsichtigst?“ Hanne hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihn wütend an. „Wir gehen zu meiner Mutter. Und wage nicht, dort aufzukreuzen.“

Innerhalb einer Viertelstunde packte sie einen Koffer mit ihren und Celestes Sachen und fuhr davon. Bernhard saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, den Ton ganz leise gestellt, und zappte von einem Kanal zum nächsten.

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