(253) Patient X konnte fünf Bewegungen durchführen…

Patient X konnte fünf Bewegungen durchführen: Zehen des rechten Fußes, Zehen des linken Fußes, Finger der rechten Hand, Finger der linken Hand, Kopf. Alles andere war durch die Gurte um Brust, Schultern, Oberschenkel, Fußknöchel und Handgelenke unmöglich. Er konnte nur daliegen und an die Decke starren.

Alles, woran er dachte, war die Flucht. Er würde sich nicht einfach festhalten lassen. Zwei Mal am Tag wurde er von einer der Schwestern gefüttert und ein Mal am Tag, morgens, gewaschen. Das war der einzige Zeitpunkt, an dem die Magnetschlösser, die die Fixationsgurte hielten, geöffnet wurden. Zwei der Schwestern trugen die Schlüssel, mit denen die Schlösser geöffnet werden konnten, an einer Halskette und eine Schwester steckte ihren Schlüssel in die linke Tasche ihres Schwesternkittels. Er entwickelte einen Plan.

Als die dritte Schwester ihn beim nächsten Mal gewaschen und wieder fixiert hatte, sagte er ihr, er habe ein Kribbeln im Ohr, als ob ein Käfer drinnen wäre. Sie beugte sich über ihn und er drehte den Kopf zur Seite, damit sie in sein Ohr schauen konnte. Mit der linken Hand konnte er gerade bis unter die Naht der Kitteltasche heranreichen. Mit den Fingerspitzen ertastete er den Schlüssel und schnippte mit dem Daumen gegen die Tasche. Der Schlüssel flog über den Taschenrand hinaus und landete fast geräuschlos auf dem Bett. Mit der Hand bedeckte er ihn für den Rest des Tages.

Nachts konnte er damit unter Verrenkungen das Schloss am linken Handgelenk öffnen. Danach war es einfach und bald stand er frei neben dem Bett. Er öffnete die Zimmertür einen Spalt und spähte hinaus. Die Tür lag direkt im Blickfeld der wachenden Schwester.

Er trat ans Fenster und erkannte, dass er sich im zweiten Stock befand. Allerdings verlief direkt neben dem Fenster ein Fallrohr der Regenrinne nach unten. Im Schrank fand er seine Kleidung. Er zog sie an, bevor er sich auf das Fensterbrett stellte. Er testete das Metallrohr, es war stabil. Mit einem Arm hielt er sich fest und zog den Rest des Körpers nach, dann hing er an dem Rohr. Langsam hangelte er sich nach unten. Auf Höhe des ersten Stockwerks hatte sich hinter einer Befestigungsschelle feuchtes Laub gesammelt. Im Dunkeln griff er hinein und rutschte ab. Er fiel nach hinten. Im Fallen sah er noch die Lichter im Garten des Krankenhauses, dann verlor er das Bewusstsein. Sein Kopf war gegen die Umfassung eines Lichtschachts geprallt.

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