(253) Bisher hatte Rolf Nahmer noch nie eine Fokusgruppe bestehend aus Lesben geleitet.

Bisher hatte Rolf Nahmer noch nie eine Fokusgruppe bestehend aus Lesben geleitet. Er war Entwicklungsredakteur und arbeitete gerade an dem Projekt mit dem Arbeitstitel „Zapfo, das Magazin für die moderne Lesbe“. Mit ihm in der Runde saßen Micha (23), Patty (31) und Sanne (37). Nahmer hatte bei der Einführung herumgedruckst, weil er nicht wusste, wie er das Projekt beschreiben konnte, ohne bei seinen Gruppenmitgliedern ins Fettnäpfchen zu treten. Sanne hatte schließlich die Gruppe in die Hand genommen, indem sie sagte: „Also wenn ich das richtig verstehe, Ihr wollt eine Zeitschrift für Lesben machen, habt aber keine Ahnung davon. Richtig?“ Nahmer musste gestehen, dass das den Nagel auf den Kopf traf. „Prima“, feixte Sanne. „Wir haben zwar keine Ahnung vom Zeitschriftenmachen, aber mit dem Rest kennen wir uns prima aus. Was wollen Sie wissen?“ – „Gut“, sagte Nahmer und räusperte sich. „Schön, dass wir gleich konkreter werden können. Aus meiner Erfahrung braucht das immer ein bisschen bei… Aber lassen wir das. Welchen Themen würden Sie in einer Zeitschrift für… Ihre Zielgruppe finden wollen?“ – „News, die für uns relevant sind, wären mir sehr wichtig“, sagte Patty. „Ja, neue Filme, Ausstellungen, Bücher…“, pflichtete ihr Micha bei. „Natürlich auch Gesetze, Politik. Aus unserer Sicht, klar?“, fügte Sanne hinzu. Nahmer notierte eifrig. Die Fokusgruppe wurde zwar auch von Kameras hinter den Einwegspiegeln aufgezeichnet, aber das Schreiben gab ihm etwas zu tun und es sah aus, als ob er sich interessierte. Er hatte die Aschkarte gezogen mit dem Projekt. Zuerst waren alle Redakteure ganz wild darauf gewesen. Als es dann hieß, dass Sex nicht das wesentliche Thema sein würde, war der Enthusiasmus jäh zurückgegangen. Nahmer hatte das Projekt aufgedrückt bekommen, weil er im Urlaub war und sich nicht wehren konnte. „Was ist mit Mode?“, fragte er. Ablehnende Gesichtsausdrücke. „Dafür gibt es andere Zeitschriften, Lesben ziehen sich nicht wesentlich anders an als andere Frauen“, erklärte Patty. „Es sei denn, es geht um lesbische Designerinnen, das wäre dann schon wieder interessant.“ – „Das stimmt. Eigentlich alles, was Lesben machen interessiert. Ob das Filme sind oder Staudämme. Lebensbilder. Jederzeit gerne.“

„Wie ist es mit Erotik?“, fragte Nahmer und wurde schlagartig rot im Gesicht. Die Frage stand auf der Liste und er konnte sie nicht übergehen. „Gut und bei Ihnen“, antwortete Sanne ganz cool. Micha und Patty mussten lachen. „Nein, ich meine, ist das ein Thema für das Magazin?“ – „Naja, es gehört ja schon zum Leben dazu“, antwortete Patty. „Aber was stellen Sie sich genau vor?“ Nahmer hatte gerade Bilder im Kopf und zusätzlich zum Erröten brach ihm auch noch der Schweiß aus. „Ich weiß nicht. Tests von Sexspielzeug. Und so…“ – „Natürlich“, sagte Sanne. „Testberichte, jederzeit gerne. Wir wollen alle Details wissen!“

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