(252) Melia lag im Bikini auf der Terrasse ihres Sylter Ferienhauses und sonnte sich.

Melia lag im Bikini auf der Terrasse ihres Sylter Ferienhauses und sonnte sich. Tobias Hüfner stand innen hinter der geschlossenen Tür und betrachtete sie, während er an einer Telefonkonferenz teilnahm. Studien hatten herausgefunden, dass es eine Marktlücke für eine Frauenzeitschrift gab, die sich an lesbische Frauen wendete. Der Arbeitstitel war „Zapfo“, weil das zuständige Vorstandsmitglied Meinold Keitel den Namen ‚Sappho‘ nicht richtig aussprechen konnte. Bei der Telefonkonferenz sollte das weitere Vorgehen besprochen werden. Der Vorstandsvorsitzende war nur dabei, weil es ein, wie Keitel sagte, „sensibles“ Thema war. Hüfner sah sich dabei Melia an.

Sie sah genauso aus, wie er sich eine Frau wünschte. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn sie nicht so reich wäre. Es war nicht einfach, zu wissen, dass sein Wohlstand für sie in Wirklichkeit nichts bedeutete. Aus ihrer Sicht war er wahrscheinlich auf der gleichen Ebene wie einer seiner Abteilungsleiter für ihn. Natürlich sagte sie, dass das nicht wichtig sei. Aber am Ende war es das doch. Sie war gewohnt, dass sie ihren Willen durchsetzte. Sie hatte bestimmt, dass sie doch zu der Vernissage des schrecklichen Kurt Kessler fuhren. Und natürlich war Melias Schadenfreude schnell versiegt, als Kessler behauptete, der Einsturz des Moai sei das eigentliche Ziel der Aktion gewesen und daraufhin von allen Besuchern Beifall erhielt. Sie war noch so naiv und auch so lebendig. Wie sie dalag in ihrem gelben Bikini, der zu groß geratenen Sonnenbrille und dem verwitterten Strohhut, den sie nur hier tragen würde…

„Sind Sie auch dieser Meinung, Herr Hüfner?“, fragte einer der anderen Teilnehmer der Telefonkonferenz. Hüfner sagte, dass er noch nicht verstanden hatte, wer denn die Zielgruppe von Zapfo sein sollte. Waren es wirklich lesbische Frauen oder waren es Männer, die gerne Zeitschriften für lesbische Frauen lasen? Das sollte man doch vorher wissen. Darauf entstand eine Diskussion der anderen Teilnehmer, allesamt Männer, wie eine Zeitschrift für Lesben auszusehen hätte.

„Ich habe jetzt einen Anschlusstermin“, sagte Hüfner ins Telefon. „Schicken Sie mir ein Update, wenn Sie sich geeinigt haben.“

Als er den Anruf beendet hatte, klingelte ihr Telefon. Ballade pour Adeline. Natürlich ironisch. Melia richtete sich auf. Sie lachte herzlich, strich sich durch das Haar. Normalerweise wollte sie von niemand gestört werden, wenn sie auf Sylt war. Es musste jemand sein, der ihr wichtig war. Wahrscheinlich ein Protegé, dachte Hüfner. Jemand, der alles tat, was sie wollte. Wegen des Geldes, wegen der Aura des Geldes. War er auch so? Wäre sie wirklich genauso attraktiv für ihn, wenn sie eine Sekretärin oder Verkäuferin wäre?

In der Ferne kamen Gewitterwolken heran. Heute Abend wollte er mit Melia ins Sansibar gehen. Dort würden sie bestimmt ein paar Leute aus der Branche treffen. Das würde ihm guttun. Melia hatte ihm versprochen, dass er bestimmen konnte.

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