(249) Das Schönste in Edinburgh ist McDonald’s.

„Das Schönste in Edinburgh ist McDonald’s. Das Schönste in Florenz ist McDonald’s. Damaskus und Teheran haben noch nichts Schönes.“ – „Danke, das reicht!“ Jed Runte drückte auf den Stopp-Knopf der Kamera. Der Mann vor der weißen Wand nahm die silberfarbene Perücke ab und reichte sie Karla, Runtes Assistentin. Als er weg war, sagte Karla, dass das der letzte Casting-Teilnehmer war. Runte schaute sich die Liste mit den Notizen durch, die er während der Probeaufnahmen gemacht hatte. „Wir brauchen mehr Warhols“, sagte er. „Gut, ich werde noch einmal inserieren. Wie viele brauchen wir denn noch?“ – „Ich schätze mindestens zwanzig. Ein paar werden noch abspringen, krank werden oder sterben… Sagen wir dreißig. Damit müssten wir klarkommen.“

Für sein neues Videokunstprojekt wandelte Runte auf Jørgen Leths Spuren. Leth hatte 1981 einen Film gedreht, der 66 Szenen aus Amerika hieß. Darin waren unterschiedliche Aufnahmen wie Postkarten aneinandergereiht. Eine Szene daraus hatte Runte schon immer fasziniert. Es waren Bilder, auf denen Andy Warhol einen Hamburger aß. Warhol saß an einem nackten Tisch vor einer nackten Wand mit einer Burger King-Tüte und einer Heinz-Ketchup-Flasche. Warhol nahm den Burger aus der Tüte, schüttete Ketchup aus der Flasche auf die Verpackung, tunkte den Burger in den Ketchup und aß ihn schweigend. Als er fertig war, putzte er sich den Mund ab, verpackte den ganzen Papiermüll wieder in die Tüte, die er zerknüllte und neben sich legte. Dann sagte er, irgendwie gehemmt, „Mein Name ist Andy Warhol und ich habe gerade einen Hamburger gegessen.“ In Leths Film dauert die Sequenz mit Andy Warhol vier Minuten und 27 Sekunden. Runtes Projekt bestand darin, die Szene mit 66 Warhol-Darstellern zu wiederholen und diese aneinanderzuschneiden. Den daraus resultierenden Film würde er ebenfalls „66 Szenen aus Amerika“ nennen.

Er erhoffte sich mit dem Projekt, den besonderen Blickwinkel von Leth und die Multiple-Philosophie von Warhol zu vereinen. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr interessante Perspektiven ergaben sich bei dem Projekt. Warhol stellte Amerika dar, in allen Facetten. Die Tatsache, dass es 66 Kopien gab, die genau den gleichen Effekt hatten wie ein Original. Es war diese Dichte an Interpretationsmöglichkeiten, die bei Runte ein Glücksgefühl auslösten.

Karla kam wieder zurück. „Die Post von heute ist angekommen. Wir haben eine Antwort von McDonald’s bekommen. Sie wollen uns auch nicht sponsern.“ Burger King war natürlich die erste Wahl gewesen und erst nach deren Absage hatte Runte es bei McDonald’s probiert. Das war ärgerlich. „Wollen sie uns die 66 Hamburger sponsern?“ Karla schaute noch einmal in den Brief. „Nein, auch das nicht. Sie schreiben, dass sie uns auch keine Ausschussware geben möchten, weil sie nicht wollen, dass diese in einem Film auftaucht. Bitten um Verständnis.“ Runte schüttelte den Kopf. „Das ist jämmerlich. Jetzt könnten sie mal etwas Gutes für die Menschheit tun, aber sie tun es nicht. Jämmerlich!“

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