(246) Es war ja schon fast zu einem Ritual geworden.

Es war ja schon fast zu einem Ritual geworden. Richard Hahn fuhr mit dem Wagen vor seinem Haus vor. Er wusste, dass im gleichen Augenblick der Nachbar von gegenüber am Fenster stand und beobachtete, wer gekommen war, was er dabei hatte und was sonst noch. Auf Herrn Ziegelschmidt war Verlass. Immer öfters kam es auch vor, dass gerade ‚zufällig‘ Frau Mencke, seine direkte Nachbarin, aus dem Haus kam, um in den Briefkasten zu schauen. Soweit Hahn wusste, kam der Briefträger immer am Vormittag und bei ihrer stressfreien Lebensweise hatte sie den Briefkasten bestimmt vorher schon gelehrt.

Aber bei Frau Mencke war es nicht die bloße Neugier, wie bei Herrn Ziegelschmidt. Sie warb quasi für sich. Und darin kannte sich Hahn wirklich aus. Immerhin hatte er für seine Schokoriegelwerbung einen Goldenen Löwen in Cannes gewonnen. Allerdings war Frau Mencke nicht sehr geschickt bei ihren Bemühungen. Sie fokussierte zu sehr auf das, was ihr wichtig war, nicht auf das, was ihr Kunde (in dem Fall Hahn) wollte. Sie suchte, schätzte er, in erster Linie nach einem Lunchticket. Ein Mann, der ihr Geborgenheit und wirtschaftliche Sicherheit geben würde. Der einen Vater für ihre Tochter darstellen konnte; Sie auf der sozialen Leiter nach oben tragen würde. Ein Prinz, der ihr den Glasschuh an den Fuß passte. Das waren alles legitime Ziele.

Sie waren nur an die völlig falsche Person gerichtet. Hahn hatte das alles schon hinter sich. Er wollte für niemand das Lunchticket sein. Er wollte kein guter Vater sein, weder für eigene noch für fremde Kinder. Allerdings auch kein schlechter oder gleichgültiger Vater. Er wollte niemandem ein gutes, sicheres Gefühl geben oder Surrogatemotionen erwecken, die das gleiche bewirkten. Alles was er wollte, war es, seine Unabhängigkeit zu bewahren. Dass er aus der Stadt in diesen Vorort mit seinen spießigen Häusern und Vorgärten und Wäscheleinen gezogen war und sich zufriedengab mit den schrecklich vorhersehbaren Nachbarn, ihren Träumen und Ratenkrediten – all das war ein Zeichen dafür, dass er aus dem Rennen war. Er wollte niemand mit irgendetwas beeindrucken und er wollte durch nichts mehr beeindruckt werden. Keine Bankette; keine Vergleiche, wer die größte, höchste, teuerste Wohnung hatte; keine schnellen Nummern in gestoppten Lastenaufzügen von angesagten Underground-Galerien; keine Golfrunden mit Leuten, für die ein Abschlag einer Kriegserklärung gleichkam.

Natürlich war ihm der Fehler in seinem System bewusst: Wenn er das wirklich wollte, dann durfte er seinen Job bei Tofan, Spork & Ponder nicht weitermachen. Es gab in diesem neuen Wertesystem keinen Platz für Schokoriegelwerbung. Aber er war noch nicht am Ende. Es würde sich schon eine Möglichkeit finden, diesen letzten Fehler zu bereinigen.

Bis dahin galt: Nichts war wichtiger als die Unabhängigkeit. Die Möglichkeit, von heute auf morgen, einfach alles stehen und liegen zu lassen, und abzuhauen. Nicht, dass er es wirklich tun wollte, aber es fühlte sich gut an, es tun zu können.

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